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Die Deutschen sollen verunsichert werden

Michael Giese

Trauer und Entsetzen in Berlin – ein staatstragendes, fast trotziges Bekenntnis von Innenminister Schäuble: „Wir machen weiter.“

Drei BKA-Beamte sind gestern bei einem hinterhältigen Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul ums Leben gekommen. Immer mehr rücken die Deutschen am Hindukusch ins Visier von Terroristen und Kriminellen. Noch immer wird der Bauingenieur Rudolf B. als Geisel gefangen gehalten. Was wird noch geschehen? In Deutschland kippt allmählich die Stimmung und in Berlin wächst der Druck – mit jeder neuen Horrormeldung.

Der Bundestag stimmt im Herbst über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats ab. Und die Bundesregierung braucht zündende Argumente, um den weiteren Einsatz der Truppe in dem umkämpften Land zu verteidigen. Mit Durchhalteparolen ist es da nicht getan. Seit Wochen führen die radikal-islamischen Taliban einen Medienkrieg. Via Internet sind sie detailliert über die breite Diskussion in Deutschland informiert. Sie wissen: Mit Anschlägen und Entführungen lassen sich die Deutschen beeinflussen – anders als zum Beispiel die Briten. Das Kalkül der Taliban ist allzu offensichtlich: Ziehen sich die Deutschen erst einmal zurück, gerät damit auch die gesamte Nato-Mission am Hindukusch ins Wanken.

Es zeichnet sich immer klarer ab: Afghanistan wird zum Testfall – nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Nato. Ein Rückzug würde den terroristischen Kräften um Taliban und El Kaida einen ungestörten Schlupfwinkel bescheren. Schlimmer noch: Das Rückzugssignal wäre geradezu verheerend, weil es für den Westen den Anfang vom Ende im „Krieg gegen den Terrorismus“ bedeutete.

Die Deutschen sitzen in einem Boot mit den Nato-Partnern. Ein entschiedenes „Ja“ zum Afghanistan-Einsatz ist unausweichlich – es gibt keine Alternative. Allerdings darf damit eine Debatte über das grundsätzliche Engagement nicht abgewürgt werden. Es stellt sich nämlich sehr wohl die Frage, welcher Stellenwert der zivilen, humanitären Hilfe vor Ort künftig eingeräumt wird. Die Deutschen haben bereits bemerkenswerte Aufbauarbeit in dem geschundenen Land geleistet. Dagegen ist der Irak das mahnende Beispiel, dass mit Kampftruppen allein kein Krieg zu gewinnen ist.

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