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Von der Antike bis zur Gegenwart

Die Deutschen und ihr Wald

Harald Suerland

Der Zeitzeuge aus dem sonnigen Süden konnte der hiesigen Gegend wenig abgewinnen. „Das Land ist, wenn es auch in seinem Aussehen beträchtliche Unterschiede aufweist, insgesamt aber doch entweder durch seine Wälder grauenerregend oder durch seine Sümpfe grässlich“, schrieb der römische Historiker Tacitus. Und unwillkürlich denkt man an den Spruch: „Die Römer hatten schon eine Kultur, als die Germanen noch auf den Bäumen hockten.“

Die Bäume der Germanen, die Deutschen und ihr Wald - das war schon immer eine besondere Beziehung. Wenn auch längst nicht so plump, wie es der alte Römer vermutete. Denn längst ist bekannt, dass Tacitus gar kein Augenzeuge war, sondern ungeprüft Berichte über das ferne Land übernahm. Kurz gesagt: Der Mann hatte keine Ahnung.

Gewiss, die Wälder nördlich der Alpen waren dunkel, üppig und ausgedehnt, auch Julius Cäsar berichtete staunend davon. Aber den Römern waren ihre Bäume ja ebenfalls wertvoll - und sei es nur als Ausgangsmaterial für Schiffbau und Hafenanlagen. Dafür eigneten sich besonders Tannen und Kiefern, während die Germanen auf gänzlich andere Weise in und mit Wäldern lebten, die sich durch einen großen Buchenbestand auszeichneten. „In den noch zur Römerzeit ausgedehnten Urwäldern Germaniens war die Rotbuche die vorherrschende Baumart“, heißt es auf der Internetseite „Weltnatur­erbe-buchenwaelder. „Der Buchenwald war natürliche und wirtschaftliche Lebensgrundlage des Menschen. Hier gewann er Brenn- und Bauholz, sammelte Pilze und Beeren und ging auf die Jagd. Der Wald diente als Viehweide und zur Schweinemast. Die Bucheckern waren Nahrung für Mensch und Tier.“

Doch schon das Mittelalter rückte dem Urwald der Antike zu Leibe. Für die Landwirtschaft wurden Wälder gerodet, Holz wurde zum wertvollen Rohstoff der industriellen Entwicklung - die abgelegene Köhlerhütte verlor spätestens im 18. Jahrhundert an Bedeutung. Für nachwachsenden „Rohstoff“ wurde mit Nadelbäumen aufgeforstet, die schneller wuchsen. Bei dieser Entwicklung verwundert es auch nicht, dass die deutsche Romantik den Wald zu einem Sehnsuchtsort verklärte, von Caspar David Friedrich gemalt, von Carl Maria von Weber zum Opernstoff erkoren.

Glücklicherweise hatten sich im Gegenzug zur Rodung und Industrialisierung bereits die Herrschergeschlechter des frühen Mittelalters ihren Anteil an den großen Waldgebieten gesichert, die ihnen als „Fleischkammern“ dienten, und so für den Erhalt von Landschaften wie Harz oder Spessart gesorgt. Dass die Idealisierung des „Deutschen Waldes“, die sich auch aus dem Nationalmythos der Schlacht im Teutoburger Wald speiste, von den Erbauern des Konzentrationslagers „Buchenwald“ ins Groteske verzerrt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Kein Wunder, dass mit Heimatfilm und „Schwarzwaldklinik“ der Pegel später in die andere Richtung schlug.

Von der jahrhundertelangen Entwicklung des Urwaldes in eine Kulturlandschaft, deren Wälder nicht nur Spaziergängern und Wanderern, sondern auch Reitern oder Bikern als Freizeitziel dienen, künden auch die Wälder in Nordrhein-Westfalen, die sich zum großen Teil in Privatbesitz befinden. „Ackerbau, Viehzucht und Jagd haben dafür gesorgt, dass es keinen Quadratmeter Land gibt, der noch als Naturlandschaft bezeichnet werden kann: Alles ist von Menschen geprägt und gestaltet und somit Kulturlandschaft“, liest man in der Fachliteratur. Und der Landesbetrieb Wald und Holz konkretisiert: „Der größte Teil der Wälder im Bereich Münster-Coesfeld sind Laubwälder, von denen mehr als die Hälfte mit Eichen bestockt sind.

Seit Tausenden von Jahren ist das Münsterland die Heimat von Trauben- und Stieleiche. Beide Arten bilden zusammen mit anderen Laubbäumen auf den unterschiedlichen Standorten typische Waldgesellschaften. Das Spektrum reicht von Eichen-Birken-Wäldern auf nährstoffarmen Sandböden bis zu Eichen-Hainbuchen-Wäldern auf den schweren Flachlandböden. Letztere sind typisch für das Münsterland und fallen im Frühjahr durch die farbenprächtige Blüte des Buschwindröschens und anderer Frühlingsblüher auf.“ Die Experten sprechen vom Parklandschaftscharakter, weil sich Acker- und Grünland und Wald- und Gehölzgruppen abwechseln. In der Westfälischen Bucht dominiert mit 28 Prozent die Kiefer, erst danach folgen Eiche (22), Buche (17) und Fichte.

Für die Deutschen und ihr Waldempfinden ist aber auch ein Baum entscheidend, der in westfälischen Wäldern nicht dominiert: die Linde. Dabei ist sie es doch, die man - noch vor der Eiche - als den deutschen Baum bezeichnen müsste. „Under der Linden an der Heide“ beschrieb Mittelalter-Poet Walther von der Vogelweide ein sinnliches Abenteuer. Im Nibelungenlied ist es das Lindenblatt, das Siegfried zum Verhängnis wird: Es haftet beim Bad im Blut des Lindwurms an seinem Körper und sorgt für die verwundbare Stelle, in die Hagen von Tronje den tödlichen Speerstich setzen wird. In der Linde verehrten die Germanen ihre Göttin Freya, in den Dörfern wurde vielfach unter der Femelinde Gericht gehalten. Oder bei festlichen Anlässen getanzt. Prachtstraßen und Stadtringe wie Münsters Promenade oder die Berliner Lindenallee sind Huldigungen dieses Baumes. „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“, dichtete Wilhelm Müller, der vergessen wäre, hätte nicht Franz Schubert Lieder aus seinen Versen gemacht.

Bedichtet und besungen haben die Deutschen ihren Wald, haben ihn genutzt und sich vor seinen wilden Bewohnern geängstigt - und wissen ihn heute, da sie mit dem Waldsterben zu tun haben, besonders zu schätzen. Ein bisschen wie Joseph von Eichendorff, der schwärmte: „Wie schön, hier zu verträumen / Die Nacht im stillen Wald, / Wenn in den dunklen Bäumen / Das alte Märchen hallt.“

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