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Traditionsclubs-Serie

Die Feierabend-Profis des Wuppertaler SV

Andreas Boller

Wuppertal - Verschwindet das Bergische Land bald völlig von der Fußball-Landkarte? Nach den früheren Zweitligisten Union Solingen und dem FC Remscheid, droht nun auch der Traditionsverein Wuppertaler SV im sportlichen Niemandsland zu verschwinden. Aktuell dümpeln die Wuppertaler im Mittelfeld der Regionalliga herum. Der direkte Wiederaufstieg in die 3. Liga ist nach einer bisher enttäuschenden Saison in weite Ferne gerückt. Und auch der Blick auf die glorreiche Vergangenheit tröstet die Fans des Ex-Erstligisten nicht mehr über die aktuellen Probleme hinweg.

Die großen Zeiten des WSV sind in Wuppertal angesichts der Sorgen um die Zukunft fast in Vergessenheit geraten. Zu Beginn der 70er Jahre hatte der 1954 gegründete Wuppertaler Sportverein unter Trainer Horst Buhtz zuletzt bundesweit für Furore gesorgt und auf dem Weg in die erste Bundesliga Rekorde für die Ewigkeit aufgestellt. In der Saison 1971/72 zerlegte der WSV seine Gegner in der Regionalliga West nach allen Regeln der Kunst. 52 von 111 Saisontoren erzielte allein Günter „Meister“ Pröpper, auf den das System des „hängenden Linksaußen“ von Taktikfuchs Horst Buhtz abgestimmt war. Bis heute ist Pröppers Marke von 52 Treffern in einer Saison in deutschen Profiligen unerreicht. Die anschließende Aufstiegsrunde zur Bundesliga schlossen die Rot-Blauen mit 16:0-Punkten ebenfalls souverän ab - mit weiteren Treffern von Günter Pröpper.

Drei Spielzeiten lang hielt sich der WSV im Fußball-Oberhaus, doch nur in der ersten Bundesliga-Saison konnte die Mannschaft voll überzeugen. „Wir hatten den Aufstieg 1971 knapp verpasst und sind ein Jahr zu spät aufgestiegen. Das eine Jahr hat uns gefehlt, um die Mannschaft rechtzeitig zu verjüngen“, sagte Horst Buhtz einst im Rückblick.

Zudem verpasste es der WSV, rechtzeitig professionelle Strukturen aufzubauen. Viele der Spieler aus der Aufstiegsmannschaft, wie zum Beispiel Kapitän Manfred Reichert oder Abwehrchef Emil Meisen, gingen auch in der Bundesliga als Feierabendprofis „ordentlichen Berufen“ nach. Ein kleines Wunder, dass der WSV als Aufsteiger Gegner wie Bayern München, mit den Stars Sepp Maier, Franz Beckenbauer oder Gerd Müller, das Fürchten lehrte. Das 1:1 des WSV gegen die Bayern in einem Flutlichtspiel am 4. Oktober 1972 vor geschätzten 40 000 Zuschauern im rappelvollen Stadion am Zoo war der Höhepunkt der Wuppertaler Bundesligageschichte.

In der folgenden Saison spielte der WSV sogar im Uefa-Pokal mit, entging aber in der Liga nur knapp dem Abstieg. Ein Jahr später war er dann der Konkurrenz hoffnungslos unterlegen und stieg auf Nimmerwiedersehen ab.

Das Stadion am Zoo mit seiner historischen Radrennbahn erwies sich als Mühlstein am Hals des Vereins, denn die marode Arena genügte nicht den Ansprüchen der Bundesliga. Der Zerfall von Verein und Stadion ging fast ungebremst bis in die 90er Jahre weiter. Der Beginn der Amtszeit von Präsident Friedhelm Runge 1991 brachte noch einmal ein sportliches Zwischenhoch, und im Stadion am Zoo wurde zumindest die Haupttribüne neu gebaut. Der WSV schaffte es in der Saison 1991/92 in die 2. Liga und rückte für zwei Spielzeiten wieder ins Blickfeld der Fernsehkameras.

Querelen im Vorstand des WSV beschleunigten den Niedergang. Der Hauptsponsor und Mäzen Friedhelm Runge zog die Konsequenzen und regierte in der Folge als Alleinherrscher. Der Tiefpunkt: Die Wuppertaler wurden 1998 zum Zwangsabstieg in die Oberliga verdonnert, weil Runge gegenüber dem DFB eine Nachzahlung an die Berufsgenossenschaft verweigert hatte. Vier Spielzeiten dauerte es, bis dieser Betriebsunfall mit dem Aufstieg in die Regionalliga in der Saison 200/2003 sportlich behoben werden konnte. Zu mehr reichte es nicht, schon in der 3. Liga fehlten dem WSV die Sponsoren, um an der Spitze mithalten zu können. „Im Alleingang kann ich den Aufstieg in die 2. Liga nicht bewerkstelligen“, klagte Runge, an dessen Tropf der WSV seit 20 Jahren hängt. Zuletzt rutschte der WSV in die vierte Liga, die Regionalliga ab. Gerade mal 1500 Besucher kommen noch zu den Heimpartien. Die Perspektiven sind düster.

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