1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Die Fjord-Siesta: Unterwegs mit den Hurtigruten

  6. >

Reise-Tipp

Die Fjord-Siesta: Unterwegs mit den Hurtigruten

Gunnar A. Pier

Bergen - Jens Gulowsen holt sich erstmal noch einen Kaffee. Der Dampfer dümpelt, die See ist ruhig, der nächste Kurswechsel fern. „Manchmal kann es langweilig sein“, sagt der Erste Offizier und lässt den Blick durch die getönten Scheiben der Brücke über das Nordmeer schweifen. Manchmal piept der Computer vor ihm.

Dann bestätigt er per Knopfdruck, und die MS Troll­fjord fährt eine programmierte Kurve. Jens Gulowsen findet es manchmal langweilig - die Passagiere genießen diese Entschleunigung. Wer auf einem Schiff der Hurtigruten unterwegs ist, kommt zwangsläufig runter. Die Entdeckung der Langsamkeit: Bei 27 Stundenkilometern ändert sich die Landschaft nur sehr selten.

Steve Royset hat es eiliger. „Wir müssen das Schiff kriegen“, ruft er und gibt noch einmal richtig Gas. Gerade hat er eine Touristengruppe rund um die Vogelinsel Runde geschippert, jetzt drängt die Zeit. Mit 44 Knoten, rund 80 km/h, prügelt er das Schlauchboot übers Wasser. Im winzigen Örtchen Torvik waren sie von Bord der MS Trollfjord gegangen, in Ålesund wollen sie wieder einsteigen. Steve schafft es.

Die gemächliche Tour auf dem Hurtigruten-Dampfer im Wechsel mit spannenden, interessanten, unterhaltsamen und manchmal eben auch rasanten Ausflügen: Das macht die Reise auf den weltbekannten Postschiffen aus. Täglich legt ein Schiff in Bergen ab. Sechs Tage später erreicht es Kirkenes im Nordosten an der Grenze zu Russland, weitere fünf Tage später ist es wieder in Bergen. Elf Tage, 4630 Kilometer, 34 Häfen. Norweger nutzen die Hurtigruten als schnelle Linienverbindung, palettenweise Güter werden so transportiert. Und jährlich 460 000 Passagiere.

„Hurtigruten-Touristen sind sehr interessiert“, sagt Gunnar Gläser. Der Hamburger hat Skandinavistik und Geografie studiert, letztens hat er seine Magisterarbeit abgegeben. Thema: „Kreuzfahrttourismus in Norwegen“. Eine seiner Erkenntnisse: Wer mit dem Postschiff kommt, ist meistens neugieriger auf Land und Leute als der übliche Kreuzfahrer: „Normale Schiffe halten deshalb nur dort, wo sie teure Ausflüge verkaufen können.“ Denn Liegezeiten sind teuer.

Heute ist Gunnar Gläser als Reiseleiter dabei, wenn Hurtigruten-Passagiere einen Ausflug zum Svartisen-Gletscher unternehmen. Kurz nach dem Frühstück steigen sie um auf den Katamaran MS Alba, der sie in den Holandfjord bringt. Was auch immer sie links und rechts sehen: Gunnar Gläser erklärt es ausführlich.

Nach etwa einer halben Stunde ist der Anleger erreicht. MS Alba legt an, und die Passagiere machen einen Spaziergang zu Norwegens zweitgrößtem Gletscher. Nach einer Pause mit Kaffee und traditionellem Gepäck gehts zurück an Deck. Jetzt muss auch MS Alba ein Schiff kriegen. Fast drei Stunden dauert der Törn durch malerische Fjordlandschaften, bis im Hafen von Bodø das Hurtigruten-Schiff wieder erreicht ist. Die MS Trollfjord - schon jetzt ein Stückchen schwimmende Heimat.

Die Ausflüge gehören fest zum Angebot des Postschiff-Tourismus. Ob Kajak-Tour, Stadtführung in Trondheim, Wikinger-Fest auf den Lofoten oder eine Fahrt im Hundeschlitten: Abwechslung ist angesagt. Freilich: Die Touren kosten extra. 130 Euro für die Gletscher-Tour, 26 Euro für die Trondheim-Stadtführung - Geld, das Hurtigruten-Touristen mit einplanen sollten.

Dafür gibt es aber auch eine Menge. Eine Menge Infos zum Beispiel. „Der Name ist Programm“, sagt Daniela Schnabel. Und tatsächlich: Ihr Mitteilungsdrang scheint unerschöpflich. Den Sommer über begleitet die Dresdnerin Hurtigruten-Passagiere beim Landausflug. Wenn sie das Ende des imposanten Geiranger­fjords erreicht haben und mit dem Bus zum nächsten Hafen fahren, erklärt Schnabel Gegend und Gebräuche. Darauf hat sie sich gut vorbereitet. Denn Norwegen ist alles andere als ihr angestammtes Terrain. Die Touristik-Assistentin arbeitete schon in England, Frankreich, Spanien, Vancouver und auf einer Donau-Flusskreuzfahrt. Jetzt Norwegen. „Heimat ist überall“, sagt sie. Ihr Zuhause Dresden.

Der Bus kommt pünktlich zurück zur MS Trollfjord, die Passagiere gehen wieder an Bord. Jens Gulowsen, der Erste Offizier, startet die Maschine. Er muss ablegen. Das kann der Computer noch nicht.

Startseite