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Angela Merkel

Die Fußballkanzlerin

unserem Mitarbeiter Volker Resing

Berlin - Angela Merkel hat den Fußball erst spät entdeckt. Zu Oppositionszeiten habe man ihr doch hin und wieder noch etwas erklären müssen, wenn man gemeinsam vor dem Fernseher gehockt habe. Das berichten einige männliche Abgeordnete heute mit Freude. Sport war nie ihre Welt. Schon als Schülerin waren die Leibesübungen ihr schlechtestes Fach. Für sich selbst hat die Bundeskanzlerin inzwischen das Wandern entdeckt. Geschwindigkeit liege ihr eben nicht, deswegen habe sie Sport gemieden, hat sie in einem Interview einmal gestanden.

Doch spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 nennen Zeitungen sie die „Fußballkanzlerin“. Sie war bei der Mannschaft in der Kabine. Schon fast legendär sind ihr Jubelsprünge auf den Stadionrängen bei Toren des deutschen Teams. Merkel hat entdeckt, dass es Ähnlichkeiten zwischen Politik und Sport gibt. Es macht ihr Spaß  und ist auch noch politisch nützlich, Fußballfan zu sein. Deswegen nimmt sie selbstverständlich am Eröffnungsspiel der Frauenfußball-WM in Deutschland am Sonntag in Berlin teil.  Wie viel Fußball sie zusätzlich noch offiziell in den  Kanzlerinnen-Terminplan aufnimmt, ist noch unklar. Bei Erfolg gerne mehr, so viel ist sicher.

 Der Frauenfußball ist für die Kanzlerin doppelt interessant. Zum einen ist er im Moment erfolgreicher als die Männervariante. Und Erfolg ist sexy: Die deutsche Mannschaft ist zum zweiten Mal Titelverteidiger, eine Rolle auf die sich auch Merkel für 2013 vorbereitet. Zum anderen ist Frauenfußball auch eine Emanzipationsgeschichte - und das ist natürlich ein Thema der ersten Regierungschefin Deutschlands. In einem Zeitungsinterview 2006 muss sie die Abseitsregel erklären, um mit gängigen Klischees aufzuräumen. „Das ist ja wieder typisch“, kommentiert sie die Männer-Fragen der Journalisten nach „Schalke 05“ und dem Tabellenführer.

 In die Macho-Ecke gehört natürlich auch die aktuelle Debatte um den Kabinenbesuch. Man erinnert sich noch an die Bilder vom vergangenen Jahr: Merkel trifft nach einem Spiel gegen die Türkei in den Katakomben des Olympiastadions Torschütze Mesut Özil mit blankem Oberkörper.

Torhüterin Nadine Angerer hat schon klargestellt: Sie hätte lieber Bundespräsident Christian Wulff zu Gast in den Umkleideräumen. Merkel sei auch willkommen, hieß es später. Und im Übrigen war Wulff auch schon bei den Männern mit dabei.

 Merkel schätzt vor allem die Trainerin Silvia Neid, da gibt es ja auch gewisse Ähnlichkeiten in den Jobs der beiden. Einen „Glücksfall“ hat Merkel Neid genannt. Eine Frau, die gerne vorangeht, das schätze sie an ihr.  Nationalcoach - so sieht sie sich vielleicht auch als Kanzlerin. Nur dass ihre Mannschaft noch vor der Halbzeitpause schon arg in die Defensive gerutscht ist.

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