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„Die können ja nix“: Polizeiausbildung ist in Afghanistan das Sorgenkind

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Mazar-e-Sharif - Zu wenig Personal, zu ineffizient, überhaupt: „Die können ja nix.“ Geht es um die Ausbildung der afghanischen Polizei, für die Deutschland die Verantwortung übernommen hat, sind die Kritiker nicht nur in Berlin schnell bei der Sache – und laut. Zu schnell und zu laut, so jedenfalls sieht das Oberstleutnant Oliver Stratmann im deutschen Hauptquartier in Mazar-e-Sharif. Der 43 Jahre alte Detmolder ist Chef der hiesigen Feldjäger und damit mitverantwortlich für die Ausbildung der Afghanen im Regionalkommando Nord. Soviel vorweg: Auch in Afghanistan spricht niemand gut von der einheimischen Polizei. Korrupt bis auf die Knochen sei sie, heißt es. Dass die Bevölkerung die Soldaten der Internationalen Schutztruppe (Isaf) oftmals bitte, sie vor den Taliban zu beschützen – und eben auch vor den Polizisten, das wiederum erzählt man sich im Feldlager. Falsch sind die Vorwürfe nicht, sagt Stratmann. Das zu leugnen wäre fahrlässig. „Wir arbeiten aber intensiv daran“, das sagt er auch. Und versucht dann zu erklären, warum das Problem so groß ist. 30 Jahre Krieg und Bürgerkrieg, keine oder nur schlecht funktionierende staatliche Strukturen, Armut hin bis zur nackten Not, keine Bildung („80 Prozent der Afghanen sind Analphabeten“) und eine Selbstbedienungsmentalität bis hinein in die politischen Spitzen der Provinzen: „Da müssen sie erst einmal das Bewusstsein schärfen“, sagt Stratmann. Und: „So etwas kostet einfach Zeit.“ 165 Feldjäger sind derzeit im Regionalkommando Nord eingesetzt. Zusammen mit deutschen Polizisten sind sie unter anderem auch für die Ausbildung der Afghanen verantwortlich. 12000 einheimische Polizisten gibt es hier oben, das sind, vorsichtig gesagt, nicht allzu viele. „Und, ja, knapp 3500 bis 4000 davon sind noch nicht ausgebildet“. Sie zu schulen dauert einige Monate. „Wenn man so etwas macht, darf man doch nicht nur auf die Zahl derer schielen, die eine irgendwie geartete Ausbildung formal durchlaufen haben“, sagt der 43-Jährige. Am Ende gehe es allein um die Qualität. Und mit der ist der Chef der Militärpolizei durchaus zufrieden, wenngleich sie einem Vergleich mit deutschen Standards natürlich niemals standhalten könnte. Schulen, Begleiten, Überprüfen: Nach diesem Muster soll aus einem ernannten Polizisten am Ende ein guter Polizisten werden. „Und das funktioniert im Großen und Ganzen.“ Jüngstes Beispiel: Der Besuch von Entwicklungshilfe-Minister Dirk Niebel vor ein paar Wochen. Der FDP-Politiker wollte das „Deutsche Haus“ in Mazar-e-Sharif besuchen. Dazu mussten Straßen gesperrt und ein ganzer Stadtteil gesichert werden. „Das haben wir die afghanischen Kollegen machen lassen“, sagt Oberstleutnant Stratmann. Ja, mit dem Ergebnis sei er zufrieden gewesen. „Es hat geklappt.“ Auch im Kleinen den Erfolg sehen, das hat der Detmolder während seiner vier Einsätze in Afghanistan gelernt. Und diese Einsicht wünscht er sich manchmal auch bei denen, die aus der Ferne laut und schnell kritisieren.

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