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Die Krux mit den Pillen - gefährlicher Medikamenten-Mix

Julia Gottschick

Münsterland - Die Krux mit den Pillen ist die: Je älter ein Patient, desto mehr bekommt er vom Arzt verschrieben - doch desto weniger verträgt er an Medikamenten. Der Grund: „Die Ausscheidung über die Nieren nimmt ebenso ab wie die Fähigkeit der Leber, Substanzen zu verarbeiten“, sagt Dr. Tilman Fey, Chefarzt der Gerontopsychiatrie an der Klinik des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Mün­ster.

Hinzu kommt: Viele ältere Patienten wissen nicht, wofür die eine Pille ist oder die näch­ste. Und verlieren spätestens ab sechs Präparaten vollends den Überblick. „Und die meisten haben keine Medikamentenliste parat, auf der stehen sollte, was sie alles bekommen, wenn sie den Arzt wechseln oder vom Hausarzt zum Facharzt geschickt werden“, so der Mediziner.

Das Ergebnis kann fatal sein und wurde jetzt von Bochumer Forschern in einer Studie zusammengefasst. Bei 2500 Be­­­fragten nahm jeder Patient ab 70 Jahren durchschnittlich sechs Medikamente täglich zu sich, zehn oder mehr Tabletten waren für viele an der Tagesordnung. Das Risiko daran sind die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Präparaten - und dass Mediziner womöglich nicht so fit sind zu ermessen, wie jene Pillen wirken, die von anderen Fachärzten verschrieben wurden.

„Da sitzt ein Patient vor mir und sagt, ich krieg´ da noch so eine Wasser- und eine Blutdrucktablette“, erklärt Dr. Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin an den Kliniken des LWL in Warstein und Lippstadt. „Welche aber genau? Das weiß er dann nicht.“ In solchem Fall sei es schwierig, Entscheidungen in puncto Behandlung zu treffen. Kommt es doch durchaus vor, dass Präparate miteinander reagieren, dass das ei­ne den Abbau des anderen beschleunigt oder aber verlangsamt.

Ein Beispiel dafür sind Antibiotika und Antiepileptika. Schwierig wird es auch, wenn Menschen über längere Zeit Beruhigungs- und Schlafmittel genommen haben, Diazepam etwa, oder Schmerzmittel. Setzen sie die plötzlich ab,weil sie in die Klinik kommen und dort nicht bekannt ist, was sie bisher bekommen haben, „dann kann es sein, dass sie ins Delirium fallen“, beschreibt Dr. Tilman Fey die Risiken. Tabletten-Sucht im Alter, sie ist von der Tendenz her weiblich. Männer tränken eher Alkohol, so Fey, „aber die Frauen holen da langsam auf.“

Ein Bewusstsein für die ei­ge­ne Sucht aber, das ist meist nicht vorhanden. Da nehme manch ein Patient seit zehn Jahren starke Ta­bletten,„aber als süchtig würde er sich nicht bezeichnen“. In Feys Augen werden viele Präparate zu leichtfertig verschrieben, sogar jene, die gar nicht für ältere Patienten geeignet sind. Zudem könne sich die Sterblichkeit erhöhen, wenn die An­­zahl der Medikamente derart steige, dass die Interaktion zwischen ihnen nicht mehr überschaubar ist.

Fey rät Patienten zur Eigenverantwortung, eine Medikamenteliste zu führen etwa, dazu, sich nicht überall neue Pillen zu holen. „Leider denken viele, ihnen würde geholfen, wenn sie eine neue Tablette bekommen.“ Dabei sei es durchaus umgekehrt - dass eine Pille weniger manchmal besser ist. Er selbst gehe in Altenheime und gucke den Bewohnern in ihre Pillendosen. „Was brauchen die noch, und was kann weg?“, sagt der Altersmediziner. Das seien dann regelrechte Absetzvisiten.

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