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Die Kunststoff-Revolutionäre

Elmar Ries

Münster - Auf den ersten Blick erscheint das, was die Professoren Martin Kreyenschmidt und Reinhard Lorenz vorhaben, ganz einfach. Auf den zweiten aber wirkt es wie die Quadratur des Kreises. Vereinfacht ausgedrückt wollen die beiden Wissenschaftler der Fachhochschule Münster Kunststoffe mit antimikrobiellen Eigenschaften verse­hen. Die gibt es zwar schon, nur ist es leider so, „dass derart verändertes Material auch seine typische Werkstoffei­genschaft ändert“, sagt Kreyenschmidt. Was im konkreten Fall bedeutet: Eine gewöhnliche Plastikdose, millionenfach in Haushalten verwendet, zerfließt bei Temperaturen von 40 Grad Celsius. Damit ist sie nicht mehr spülmaschinentauglich.“

Die Anwendungsbereiche für solcherart veränderte Materialien sind unvorstellbar groß. Keimresistente Kunststoffe würden den Markt revolutionieren. Darum blickt die Industrie derzeit auch mit wachem Blick zur FH-Zweigstelle nach Steinfurt. Und nicht zuletzt darum wird das Projekt der beiden Chemiker auch vom Bund über drei Jahre mit insgesamt knapp zwei Millionen Euro gefördert.

In seinem nüchternen Büro spricht der 44 Jahre alte Kreyenschmidt in warmen Tönen von den Anwendungsmöglichkeiten derartiger Kunststoffe. Und denkt den Vorbehalt immer mit. „Denken Sie nur an die Agrar- und Ernährungswirtschaft, die Lebensmittelindustrie, die Haushaltswarenbranche, das Sanitärwesen und den Klinikhygienebereich“, sagt Kreyenschmidt. In allen Sparten werden Kunststoff verwendet, jede dieser Branchen müsse möglichst keimfrei arbeiten, überall werde mit aufwendigen Reinigungs- und mitunter aggressiven Desinfektionsmitteln versucht, Bakterien, Viren und Pilze auf Abstand zu halten. Und all das ohne dauerhaften Erfolg.

Warum das Problem also nicht grundsätzlich angehen? Wieso nicht agieren, anstatt immer nur zu reagieren, warum nicht das Material selbst verändern, anstatt es - platt gesagt - immer wieder und wieder nur zu putzen? „Die Idee kam mir nach einem Gespräch mit meiner Schwester“, sagt Kreyenschmidt. Die habilitiert sich gerade an der Uni Bonn im Fachbereich Lebensmitteltechnologie. „Bei einer Tasse Kaffee hat sie mir mal beiläufig von dem grundsätzlichen Problem der mikrobiellen Verunreinigungen erzählt“, sagt der Chemiker. Es sei eher ein Halbsatz gewesen, den Judith Kreyenschmidt fallen ließ, ohne sich über die Tragweite dessen, was sie gesagt hatte, nur im Ansatz bewusst gewesen zu sein.

Für den Bruder in Münster war er hingegen eine Initialzündung. Sofort machte er sich mit seinem Kollegen Lorenz an die Arbeit.

Doch: Wie so oft im Leben steckt auch hier der Teufel im Detail. Das aber hüten die beiden Forscher wie ihren Augapfel. „Patentschutz“, sagt Lorenz nur, hebt den Kopf und guckt bedeutungsvoll. So lange sie ihre Ergebnisse patentrechtlich nicht geschützt haben, erklären sie gerne und ausführlich die Bedeutung und Probleme, die Lösung aber, oder besser, ihre Schritte dorthin, lassen sich die beiden nicht aus der Nase ziehen.

„Was wir sagen können ist, dass die Polymere des Werkstoffs in einer engen Wechselwirkung stehen, wodurch er seine Stabilität und Korrosi­onsbeständigkeit erhält“, sagt der 52 Jahre alte Lorenz. Bringen die beiden Forscher nun antimikrobielle Eigenschaften ein (wie und was, das ist geheim), stören die das System. „Mit dem traurigen Ergebnis, dass das Material seine Festigkeit einbüßt oder aber viel zu schnell altert.“

Dabei kann der Kunststoff mit dem Reinheitsgebot wahre Wunder vollbringen. Nicht nur, dass seine Oberfläche den Viren und Bakterien keine Angriffsfläche bietet. „Das Material ist zudem so beschaffen, dass es die vorhandenen Mikroorganismen abtötet“, sagt Kreyenschmidt. Seit einem halben Jahr forschen die beiden Wissenschaftler mit ihren Teams an diesem Problem. Auch wenn sie die ersten Erfolge vorweisen können - „so haben wir es geschafft, die Stabilität bis zu 70 Grad Celsius zu erhalten“: Noch ist die Summe der ungelösten Aufgaben deutlich größer als die der gelösten. „Wir haben noch kein Land in Sicht“, sagt Lorenz und klingt dabei kein bisschen resigniert. Die beiden Chemiker wissen nämlich, dass sie auf dem richtigen Weg sind, stochern nicht mehr im Nebel herum, sondern sehen in all der experimentellen Ungewissheit ei­nen Weg. Zweieinhalb Jahre haben sie noch. Das ist selbst für Grundlagenforscher wie Kreyenschmidt und Lorenz das sind, relativ viel Zeit. „Wir hoffen, am Ende eine Dreiviertel-Lösung parat zu haben“, sagt Kreyenschmidt. „Wir arbeiten ja an Machbarkeitsstudien“, sagt Lorenz weiter. „Detaillierte Verfahrenstechniken entwickeln und womöglich in die Produktion einsteigen, können wir hier sowieso nicht.“

Die Fachhochschule wäre nicht die Fachhochschule, hätte sie nicht jede Menge Partner aus der Privatwirtschaft. Und einige von ihnen haben schon vor längerer Zeit an die Türen der beiden Professoren geklopft.

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