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Die langsame Annäherung zwischen Merkel und Obama

Berlin - Unterschiedlicher können Politiker im persönlichen Auftreten kaum sein: Hier der charismatische multikulturelle Menschenfischer aus den USA, dort die auf den ersten Blick etwas spröde wirkende Pastoren-Tochter aus Ostdeutschland. Barack Obama und Angela Merkel sind zunächst sehr vorsichtig aufeinander zugegangen. Inzwischen haben der US-Präsident und die Kanzlerin...

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Berlin - Unterschiedlicher können Politiker im persönlichen Auftreten kaum sein: Hier der charismatische multikulturelle Menschenfischer aus den USA, dort die auf den ersten Blick etwas spröde wirkende Pastoren-Tochter aus Ostdeutschland. Barack Obama und Angela Merkel sind zunächst sehr vorsichtig aufeinander zugegangen. Inzwischen haben der US-Präsident und die Kanzlerin einen guten Draht zueinander gefunden. Und, was das Wichtigste auf der Ebene der Welt- Lenker ist: Sie vertrauen einander.

Zu Beginn von Obamas Präsidentschaft vor einem Jahr war das noch anders. Als im US-Wahlkampf der damalige Herausforderer von Merkel- Freund George W. Bush vor dem Brandenburger Tor mit weltweiter Ost- West-Symbolik auftreten wollte, lehnte die Kanzlerin das ab. Stattdessen sprach der demokratische Bewerber vor einem Meer von Anhängern auf den Treppen der Berliner Siegessäule.

Der „Affront“ wirkte nach. Merkel reagierte nicht mit Überschwang auf die Abwahl von Bush. Obama ließ sich im Gegenzug nach seiner Vereidigung im Januar 2009 Monate Zeit, bis er nach Deutschland zu einem Besuch kam. Als er das schließlich nachholte, reiste er nicht nach Berlin, sondern nach Dresden.

Auf den großen Krisenfeldern, die Deutschland und die USA gleichermaßen betreffen, hat es in den vergangenen zwölf Monaten keine richtigen Durchbrüche gegeben. Nach den turbulenten Monaten der Welt-Finanzkrise gehören die USA jetzt wieder eher zu den Bremsern, wenn es um eine wirksame Regulierung der Finanzströme geht. Und auch beim Klimaschutz ist Obama - trotz großer Ankündigung und erster Schritte in die richtige Richtung - noch keine Wende im eigenen Land gelungen.

Überhaupt dämmert auch maßgeblichen Außenpolitikern in Berlin, wie gespalten die USA unter Obama sind: „Die Gegensätze sind krasser als je zuvor“, sagt der SPD-Experte Hans-Ulrich Klose. Und darüber hinaus richteten die USA ihre Blicke mehr und mehr auf die Pazifik-Region. Seine Antwort: Deutschland als wichtigstes Land in der EU muss mehr als bisher dafür sorgen, dass Europa gegenüber Washington mit einer Stimme spricht und damit als Machtfaktor in einer neuen, multipolaren Welt ernster genommen wird.

Die „Obamania“ ist inzwischen auch in Deutschland abgeklungen. Die Abrüstungsversprechen des neuen US-Präsidenten sind vor allem bei Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sehr gut angekommen. Die Forderung des Vize-Kanzlers nach Abzug aller Atomsprengköpfe aus Deutschland fanden in Washington dagegen kein begeistertes Echo.

Die alles überragende Test-Frage bleibt aber der Afghanistan- Konflikt. Wie Merkel dieses Thema in der Koalition behandelt, ob sie die amerikanischen Wünsche nach stärkerer Hilfe durchsetzen kann - darüber wird auch die künftige Rolle Deutschlands in den transatlantischen Beziehungen entscheiden.

Bei aller Ernüchterung: Obama ist in Deutschland mit Werten über 60 Prozent immer noch beliebter als in den USA, signalisieren Umfragen. Und Merkel erlebt jenseits des Atlantiks weiter hohe Anerkennung. Das hat sie zuletzt bei ihrer Rede in den USA als erster deutscher Regierungschef vor Senat und Repräsentantenhaus gespürt.

Wie schnell die harten Realitäten dann aber doch im Tagesgeschäft zwischen beiden Ländern die Oberhand gewinnen, merkte die Kanzlerin nur Stunden später: Als im November 2009 der mühsam eingefädelte Opel-Verkauf platzte, erfuhr es Merkel auf dem Rückweg von Washington aus zweiter Hand.

Da passt es gut, dass Merkel nicht der Politikertyp ist, der sich von großen Worten beeindrucken lässt. Das Tagesgeschäft zwischen beiden verläuft inzwischen pragmatisch ergebnisorientiert. „Intelligente Analyse und offene Rede“, schätzt Obama an Merkel. „Es macht wirklich Spaß, mit dem amerikanischen Präsidenten zusammenzuarbeiten“, sagt inzwischen auch die Kanzlerin.

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