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Die Last der Geschichte

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Ein bisschen Demokratie? Nein. China ist China. Die kommunistische Führung im Reich der Mitte lässt dem Kapitalismus freien Lauf, scheut aber politische Reformen wie der Teufel das Weihwasser. Auch noch 20 Jahre nach dem blutigen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens zeigt sich, dass die Wunden nicht verheilt sind.

In der Nacht zum 4. Juni 1989 rollen die Panzer im Herzen der Hauptstadt und schlagen die chinesische Protestbewegung brutal und blutig nieder. Sechs Wochen hatten Studenten und auch das einfache Volk für demokratischen Wandel demonstriert. Die Hardliner in der Zentrale setzen sich am Ende gegen die Reformkräfte durch - in einer Zeit, in der in der damaligen Sowjetunion die Hoffnungen vieler Menschen auf Michail Gorbatschow ruhten.

Die roten Mandarine lassen auf das eigene Volk schießen: eine schwere Schuld, die der Pekinger Führungsclique auch nach zwei Jahrzehnten zu schaffen macht. Die Last der Vergangenheit lässt einen unverkrampften Umgang mit der eigenen Geschichte nicht zu. Eine Diskussion im eigenen Land über die bestürzenden Ereignisse vom Tiananmen-Platz darf nicht stattfinden. Deshalb sperren die Kommunisten Internetdienste, und halten Dissidenten an der kurzen Leine. Es gibt kein Gedenken, nur in Hongkong kann Pekings langer Arm noch nicht so schalten und walten, wie er denn gern möchte.

Was im Westen übertrieben neurotisch ankommt, zumindest lächerlich wirkt, gewinnt aus Sicht der chinesischen Regierung naturgemäß existenzielle Bedeutung. Ließe Peking die Aufarbeitung der Gräuel vom 4. Juni 1989 zu, hätte sich das Tor einen Spalt weit geöffnet. Für die Demokratiebewegung wäre wohl der Weg zu politischen Reformen in China geebnet.

Die Machtfrage wird in Peking nicht gestellt. Das haben bereits die Tibeter im vergangenen Jahr wieder einmal schmerzhaft zu spüren bekommen. Wie blauäugig waren diejenigen, die hofften, China könnte sich im Lichte der Olympischen Spiele 2008 auch für einen politischen Wandel im Sinne von Demokratie, Freiheit und Rechtstaatlichkeit öffnen. China bleibt China: Nur darauf ist Verlass.

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