1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Die Leiche am Fuß der Brücke

  6. >

Sommerkrimi

Die Leiche am Fuß der Brücke

wn

Sozialarbeiterin Svenja Jörgens hat einen schönen Tag gehabt. Die Leiterin der neuen Einrichtung „KrimP West“ (Kriminalitäts-Prävention im Brennpunkt Gronauer Stadtwesten) freut sich, dass ihre Arbeit Früchte abwirft: „Supi“, hatte sie erst am Morgen bei der Dienstbesprechung ihren Kollegen von der Diakonie berichtet: „Die Polizei hat mir vorhin mitgeteilt, dass in unserem Bezirk viel weniger Fahrräder geklaut werden, seit wir uns um die Menschen hier kümmern. Und die Überfälle sind fast auf null zurückgegangen.“ - „Kein Wunder“, hatte der scheidende Suchtberater Volkhard Grabkinski in seinen grauen Bart gemurmelt. „Sind ja auch keine Geschäfte mehr da, die man überfallen kann.“ Aber er hat nichts gesagt, weil er die Arbeit der jungen Kollegin durchaus schätzt. Doch, doch, im Stadtwesten ist es tatsächlich ruhiger geworden. Grabkinski hatte denn auch Svenja Jörgens gelobt. Und darüber freut sie sich so sehr, dass sie noch am Nachmittag ganz beschwingt und aufgeregt vom „KrimP“-Gebäude nach Hause fietst. Natürlich nimmt sie die Abkürzung über die Dromedarbrücke. „Solange sie noch steht“, denkt sie. Denn die Fußgängerbrücke, die sich mit elegantem Schwung über die Gleise der Bahnstrecke nach Enschede biegt, soll dem Abrissbagger zum Opfer fallen. Sanierung ist zu teuer, hatten die Christliche Dramaturgen-Union (CDU) und die Unvermeidliche Wähler-Genossenschaft (UWG) im Rat geurteilt. Natürlich gegen die Stimme von Jörgens, die für die Soziallabriokratische Partei (SPD) im Rat sitzt. „Diese blöde UWG. Wir hatten doch so eine schöne neue Mehrheit im Rat“, ist sie immer noch sauer. „Aber nein, muss sich dieser von Borschtsch an die CDU ranschmeißen“, denkt sie, als sie die steile Brücke im ersten Gang zu beklimmen beginnt. Das geht ganz schön in die Waden. Bei aller Anstrengung bemerkt sie daher zuerst gar nicht den Hund, der am Ende der Brücke aufgeregt herumspringt. „Was ist das denn für ne Töle? Und warum bellt die wie verrückt?“ Jörgens steigt in die Bremse und umkurvt elegant die Barriere. Der Hund - ein schöner Bobtail, wie sie jetzt sieht - beginnt herzzerreißend zu jaulen. „Was ist denn mit dir?“, fragt Jörgens, steigt aus dem Sattel und beugt sich zu dem Tier herunter. Und da bemerkt sie das Bein, das aus dem Gestrüpp am Fuße der Brücke hervorlugt. Jörgens stockt das Herz. „O Gott, wer ist das denn?“ Das Jaulen des Hundes geht in ein unaufhörliches, gruseliges Heulen über, während sich Jörgens am Bein entlang nach oben arbeitet: Es ist eine Frau. Eine Frau, die sie kennt. Bärbel Hülse. Und sie ist tot. Mausetot...

Mensch, Manni, was ist denn los mit dir?“ Kommissar Frühlings Kollege Bert-Bodo Blösing ist entsetzt, als er Frühlings Dienstzimmer betritt und ihn in völlig desolatem Zustand antrifft. „Lasst mich schlafen. Ich kann nicht mehr“, stöhnt der nur und bricht zuckend vor den Augen Blösings zusammen. Der schaltet sofort: Stabile Seitenlage, Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzmassage und Alarmieren des Notarztes sind eins. Inzwischen strömen die Kollegen neugierig in das kleine Zimmer der Polizeiwache. „Der war heute Morgen schon so komisch“, meint Werner Balkenhart, hauptberuflicher Karnevalsorganisator. „Dabei ist er doch heute erst aus dem Urlaub zurückgekommen. Aber er schien völlig abwesend, als ich mit ihm noch mal den Mordfall Hirte durchgegangen bin. Ich soll ja“, erläutert er stolz dem neben ihm stehenden neuen Chef der Wache, Reinhard von Schnakenberg, „über den Ermittlungserfolg einen Vortrag vor der Gronauer Karnevalszunft halten.“

Inzwischen treffen die Rettungssanitäter ein. Als sie den Bewusstlosen auf eine Trage legen und ihn ins St.-Jupp-Hospital transportieren wollen, schlägt Frühling die Augen auf. Die Lider flackern. „Was ist denn los? Oh, Kinder, so gut wie jetzt habe ich schon lange nicht mehr geschlafen.“ Sprichts und reckt die Glieder. Der Notarzt schaut verblüfft auf und greift nach dem Puls Frühlings: „Wieder ganz normal. So was hab ich ja noch nie erlebt.“ Frühling erhebt sich vorsichtig von der Trage und schaut sich um: „Jetzt geht es mir besser. Ich hatte schon Halluzinationen.“ Blösing wird plötzlich bewusst, dass der ganz Raum noch voller neugieriger Kollegen steht. „So, jetzt machen Sie mal den Eingang frei, meine Herrschaften“, fordert er sie auf. „Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Bitte gehen Sie weiter!“ Und er komplimentiert die Kollegen samt Chef von Schnakenberg aus dem Zimmer. Dann wendet er sich wieder Frühling zu: „Pass bloß auf“, mahnt er. „Du bist noch ganz schön blass um die Nase. Was ist denn nur los mit dir?“ - „Ganz einfach: Ich habe die letzten sieben Nächte so gut wie gar nicht geschlafen“, erklärt Frühling seinen Aussetzer. „Zuerst das Schützenfest bei uns in der Nachbarschaft. Bis tief in die Nacht ging das. An Schlaf war nicht zu denken. Und dann, wenn die Schützen endlich Ruhe gaben, fingen die Vögel an.“ - „Was für Vögel?“, fragt Blösing verblüfft. - „Na, die Vögel bei uns im Garten. Wenn die morgens anfangen zu singen, dann machste kein Auge mehr zu. Zuerst - es ist noch gar nicht hell - kommt einer, der zwitschert dermaßen fröhlich vor sich hin, dass ich echt sauer werde. Wenn der endlich Ruhe gibt, fängt der nächste an zu tirilieren. Dann gibt´s noch einen, der trompetet. Von den Posaunen der anderen ganz zu schweigen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.“ Frühling redet sich in Rage. „Ich könnte den Viechern den Hals umdrehen!“ - „Posaunen und Trompeten?“ Blösing guckt zweifelnd. „Bist du sicher, dass du in Ordnung bist?“ Frühling stutzt: „Natürlich sind das keine Trompeten“, gibt er zu. „Aber es hört sich so an, wenn man vor Müdigkeit nicht mehr geradeaus denken kann.“ - „Warum hast du dich denn nicht krank gemeldet?“ - „Ein Hauptkommissar Frühling meldet sich doch nicht krank. Schon mal was von Pflichtgefühl gehört?“ - „Hast du es denn schon mal mit Ohrstöpseln versucht? Hier, ich habe noch welche. War letztes Wochenende zum Rock-Marathon abkommandiert. Die Lautstärke da grenzt an Körperverletzung. Da brauchste so Teile.“ Frühling greift zu und probiert sie gleich aus. „Super, danke“, sagt er mit überlauter Stimme. „Die lass´ ich gleich drin.“ - „Gut“, schreit Blösing ihn an, damit sein Kollege ihn versteht, „dann setz dich mal hin. Ich hol´ uns nach dem Schreck erstmal einen Kaffee.“ Während Blösing die Teeküche aufsucht, dreht Frühling in seinem Zimmer das Radio laut, haut mit dem Kugelschreiber auf die Schreibtischlampe und nickt zufrieden, weil die Ohrstöpsel die Geräusche schlucken. „Tolle Sache.“ Dass das Telefon auf seinem Schreibtisch anfängt zu klingeln, bekommt er allerdings ebenso wenig mit. Und so zuckt er auch zusammen, als Blösing plötzlich mit dem Kaffee hinter ihm auftaucht: „Huch, ich hab dich hab nicht kommen hören.“ - „Und das Telefon auch nicht“, mosert Blösing, nimmt ab und hört zu. „Manni“, schreit er dann resolut und schmeißt den Hörer auf die Gabel, „das wird nix mit Kaffeepause. Wir müssen los. Es gibt eine Leiche.“ Gerade, als die beiden das Zimmer verlassen wollen, bimmelt der Apparat schon wieder. „Blösing“, schnaubt Blösing in die Sprechmuschel. „Was gibt´s?“ - „Ich möchte Anzeige erstatten“, meldet sich eine Stimme am anderen Ende der Strippe. „Ich werde bedroht.“

Startseite