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Filmrezensionen

Die letzte Versuchung Homers

Hans Gerhold

Vergesst Prometheus! Vergesst Sisyphus! Der wahre Symbolcharakter für den Menschen der Moderne ist Homer Simpson, der, an einer Abrissbirne klebend, in „Die Simpsons – Der Film“ in einem genialen, so spektakulären wie philosophischen Bild zwischen der Skylla der Konsumgesellschaft und der Charybdis des totalen Medien-Wahnsinns pendelt und nie aufgibt. Dieser Mann wird den Göttern jeden Donut stehlen und jeden Stein auf seinem argen Weg der Erkenntnis aus dem Weg kicken und stets eine Katastrophe auslösen.

Was Homer blendend gelingt. Der phlegmatische und fernsehbesessene Kernkraftwerkarbeiter freundet sich mit einem Schwein an, sammelt dessen und die eigenen Exkremente und verwandelt beim Entsorgen der Fäkalien den unter Quarantäne stehenden See von Springfield in eine ökologische Bombe. Präsident Schwarzenegger lässt Springfield mit einer Käseglocke von der Umwelt abschirmen. Homer und Familie flüchten vor dem Lynchmob nach Alaska, genießen die Schneeidylle, kehren zurück und retten Springfield.

Es ist vollbracht und gelungen. In einer rasanten, mit visuell originellen Einfällen und anspielungsreichen Szenen bis zum Bersten gefüllten Story schaffen es die Simpsons, mehr zu geben als eine verlängerte Ausgabe ihrer TV-Serie. Der Film besteht für sich, Fans der Serie werden begeistert sein, und die, die die gelbe Sippe mit dem Überbiss nicht kennen, müssen nicht zur Nachhilfe.

Der Slapstick arbeitet mit schönen Spätzündereffekten und virtuosen Verkürzungen. Zu Beginn führt eine Episode von „Itchy und Scratchy“ auf den Mond, bereitet die ökologisch-politische Katastrophe vor. Al Gores Öko-Kampagne und „Eine unbequeme Wahrheit“ werden mit einer nicht funktionierenden Hebebühne aus den Angeln gehoben. Präsident Schwarzenegger („ich muss lenken, nicht denken“) wird als Instrument der Berater aus dem industriell-militärischen Komplex vorgeführt, Tom Hanks bereitet die Auslöschung Springfields von der Landkarte vor, Homers Heimat erscheint als unsere kleine Idioten-Stadt.

Wo Homers letzte Versuchung in einem Schwein besteht, für das er „Spider-Pig“ singt, fallen familiäre Interaktionen chaotisch aus. Sohn Brat flitzt nackt auf dem Skateboard durch den Ort, Tochter Lisa himmelt das High-School-Genie an, Baby Maggie findet das Schlupfloch aus der Käseglocke, Mutter Marge bringt ihre Turmfrisur nützlich zum Einsatz. Wenn Homer und Marge zum Sex schreiten, hält sich in einer herrlichen Disney-Parodie Bambi die Augen zu. Besser als Borat. Herausragend.

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