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Ihr Reisemagazin

Die Mutter aller Straßen

Josef Thesing

- Der Kaffee aus der Kanne schmeckt grausam. John Pritchard bemerkt es. „Ich glaube, der ist schon älter. Meine Frau macht neuen“, sagt er. Der kleine Mann steht hinter dem voll gepackten Tresen seines „General Stores“. Weißer Bart, Cap, T-Shirt und Jeans. Hinter ihm eine ausrangierte Zapfsäule und allerlei Krimskrams, kaum ein Plätzchen ist frei. Vergangenheit, wo man hinblickt. Nur die Registrierkasse ist neueren Datums.

Ein Museum, das auch ein Geschäft ist. Oder umgekehrt. Und eines, was die Vergangenheit einer Straße bewahrt, die einst von elementarer Bedeutung für das Land als Verbindungsstraße zwischen Chicago und Los Angeles war und heute ein Mythos ist: die Route 66. Die für Nostalgiker „Mutter aller Straßen“ war einst 4000 Kilometer lang und führte oft schnurgerade durch das Land. Heute haben Highways und Interstates ihr die Arbeit abgenommen. Aber es gibt sie in einem gut erhaltenen Teil noch: zwischen Kingman und Seligman aus Richtung Las Vegas gesehen, südlich des Colorado-Plateaus. Und dort, zwischen Kingman und Valentine, liegt in Hackberry am Randes des Nichts der Store von John und Kerry Pritchard. Besser gesagt: Hackberry ist der Store. Der eigentliche Ort liegt jenseits der Strecke der Santa-Fee-Eisenbahn. Gebaut wurde der Laden bereits 1934, und er hatte eine wichtige Funktion für die Route 66 durch die Wüste Arizonas. Doch während Cola und Bier damals wohl im Eis gekühlt wurden, gibt es heute einen großen Kühlschrank.

Vorbeifahren ist kaum möglich. Vor dem Hauptgebäude, einem äußerlich heruntergekommenen Flachbau im typischen Tankstellendesign der 1930er Jahre, stehen zwei große Mobilgas-Zapfsäulen und viele andere Reliquien der Benzin-Vergangenheit. Unter dem Vordach parkt eine leuchtend rote Corvette, Baujahr 1956 und bestens in Schuss. Und auch sonst wird die Geschichte hier Gegenwart, nicht nur die zahlreichen alten Schlitten, die mal besser mal schlechter erhalten sind.

John erzählt, dass er schon immer alles um die berühmte Straße gesammelt hat. Durch Zufall kam er vor einigen Jahren hier vorbei und griff zu, als die Gebäude zum Verkauf standen. „Ich wollte eigentlich nur das undichte Dach flicken“, erinnert er sich. Die Räume sind voll gepackt mit Erinnerungen und Devotionalien zur Route 66. Aber es herrscht dennoch Ordnung. Straßenschilder, Aufkleber, Bücher, Bilder, Sticker, Hüte, Bier und vieles mehr. Fotos zeigen, dass Marilyn Monroe und Humphrey Bogart auch hier waren. Der Vorbesitzer, ein Künstler, hat vieles aufbewahrt.

Neben dem Store gibt es eine kleine Werkstatt, in der John schraubt. Ein Ford-T-Tieflader ist auf Hochglanz gebracht. Andere Oldtimer stehen ebenfalls dort. John hat kein Problem damit, wenn die Leute sich die Schätzchen näher ansehen. Er ist auch Geschäftsmann, und fast jeder nimmt ein Andenken von der „Mother-Road“ mit. John spricht nicht viel, er lächelt meistens. Denn die Menschen, die ihn besuchen, kommen vielfach von weit her. Zahlreiche Eintragungen in seinem Gästebuch stammen von Deutschen. „Ich weiß nicht, woher sie Hackberry kennen“, sagt John.

Die Fahrt über die legendäre Straße führt weiter nach Osten, grobe Richtung Grand-Canyon-Nationalpark. Im Radio laufen die Lieder des eigenen Straßen-Senders. Nat King Cole verspricht grenzenlose Freiheit. Mitten in der Wüste ist eine alte Lok der Santa-Fee-Bahn abgestellt.

In Seligman ist es erst einmal mit der Nostalgie vorbei. Es geht auf die Interstate 40 nach Williams, dem Tor zum Grand Canyon, das die Route 66 touristisch verinnerlicht hat. Kurz vor dem Ort, in Ash Fork, holt die Besucher die Vergangenheit der Straße noch einmal ein. Auf wenigen hundert Metern ist alles so geblieben, wie es früher war. Kleine Läden und Restaurants mit abgeblätterten Reklameschildern, die vor vielen Jahren geschlossen wurden und zum Teil längst zugewachsen sind. Die Straße ist menschenleer, nicht mal die obligatorischen Harley-Fahrer sind heute hier. In der Nachbarschaft leben ein paar Hispanics, die sich nicht für diesen Teil des früheren American Way of Life interessieren.

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