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Sommerkrimi

Die Rache der Abtrünnigen

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In St. Agnes wühlen sich die Helfer durch den Schutt. „Ich hab ihn“, ruft Blösing schließlich. Zusammen mit Frühling zieht er einen massigen Körper aus dem Haufen aus Sandsteinbrocken, Holz und Glassplittern. „Mensch“, ruft Pfeifer, der sich mit Schüppe und Eimer an den Bergungsarbeiten beteiligt hat. „Das ist doch Pastor Weckers!“

„Lasst mich mal durch!“ Notarzt Uwe Binschonda schiebt sich durch die umstehenden CDUler und beginnt, den reglos daliegenden Körper zu untersuchen. „Da ist noch Leben drin“. Binschonda macht Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage. „Los!“, befiehlt er Martin Bültenmann. „Ab mit ihm ins Krankenhaus.“ Weckers wird abtransportiert. „Wieso bin ich eigentlich hierhin beordert worden“, fragt sich unterdessen Heinz Buer-Rieke. Bis auf einen verstauchten Knöchel und ein paar Schürfwunden hat außer Weckers wie durch ein Wunder keiner etwas abgekriegt. Niemand muss ins Krankenhaus gebracht werden. Ein paar Pflaster reichen. „Auch gut“, brummt Buer-Rieke. „Komm´ ich heute dann doch noch zu meinem Kartoffelauflauf.“ Und er schlägt in aller Seelenruhe den Weg zu Plempers Imbissstube ein . . .

Martin Burg trifft - die Zunge hängt ihm aus dem Hals - wenige Sekunden darauf ein und beginnt, Fotos zu schießen und Umstehende danach zu befragen, wie sie den Einsturz erlebt haben. Dann gesellt er sich zu Frühling und Blösing, die inzwischen das Heft des Handelns in die Hand genommen haben. „Die Trachtengruppe soll hier mal fix alles abriegeln“, befiehlt Frühling. „Und dann möchte ich ganz schnell mit dem Hausherrn der Kirche sprechen.“ - „Mit wem? Mit Jesus?“ Blösing guckt ihn verblüfft an. - „Quatsch. Mit Pastor Stube natürlich. Und dann sieh mal zu, ob du auch den Meister ausfindig machen kannst.“ - „Wen? Jesus?“ Blösing guckt noch mal verblüfft. „Den Meister?“ - „Mensch, Bert-Bodo, hast du deine religiöse Phase oder was? Den Handwerksmeister meine ich natürlich. Den, der hier für die Bauarbeiten zuständig ist. Guck mal, da stehen Gasflaschen rum. Ich möchte wetten, dass eine davon explodiert ist. Die Frage ist nur: Unfall oder Absicht? Ich meine: Gearbeitet hat hier heute Mittag keiner. Die hatten Pause.“

Wiesels Blick wandert erneut zu der Menschenmenge, die sich im Wendehammer versammelt hat. Da steht Rüdiger Bertels, Grünes Urgestein in Gronau. „Du“, flüstert Wiesel Kyra Schlupinski zu. „Den Bertels hab ich zufällig gestern Abend noch hier gesehen. Es war schon spät, und ich wollte gerade nach Hause, als mir der Wagen auffiel. Er hielt vor der Krankenkasse, und Bertels stieg aus. Kaum zwei Sekunden später stand Hirte neben ihm und hat ihn geknipst. Die beiden sind dann so richtig aneinandergerasselt.“ - „Hat der Bertels überhaupt ein Auto?“, fragt Schlupinski. Ich seh´ den eigentlich nur auf dem Fahrrad.“ - „Meistens ja. Aber auch die Grünen müssen ja irgendwie zu ihren Demos kommen. Ins Wendland fährst du nicht mit dem Zug. Der Bahnhof in Gorleben ist ja nur für Castorbehälter. Darum brauchen auch die Grünen Autos. Aber du hast recht: Hier in der Stadt habe ich Bertels auch noch nie im Wagen gesehen. Vielleicht war es ihm besonders peinlich, dann auch noch beim Falschparken erwischt zu werden. Ob der wohl mit dem Mord was . . .“ - „Nee. Glaub ich nicht“, unterbricht ihn Schlupinski. „Aber der Polizei würde ich die Beobachtung doch mitteilen.“ - „Apropos Polizei, wo bleibt eigentlich die Kripo? Ich hab bisher noch keinen von denen gesehen . . .“

Pastor Stube braucht nicht lange gesucht zu werden. Mit vor Entsetzen starrer Miene stehen er und Küster Christian Holzkrampf neben dem verwüsteten Gebäude und blicken auf die Trümmer. „Wie 1888“, sagt Stube. „Da ist der Turm schon mal eingestürzt. Aber warum jetzt? Herr Kommissar, ich hege einen bösen Verdacht: Das ist die Rache der Abtrünnigen von St. Antonym. Diese Dissidenten können es nicht verkraften, dass ihr Kirchengebäude abgerissen wird. Der harte Kern dieser Montagsbeter hat mich rüde beschimpft, man hat sogar das Allerheiligste entweiht. Herr Kommissar: Gasflaschen explodieren doch nicht einfach so. Da muss Absicht hinter stecken. Und der arme Ludger. Wie geht es ihm denn überhaupt?“ Stube ist völlig durcheinander. Plötzlich taucht Pastoralreferent Dirk Brüller auf und fällt Stube um den Hals. „Was ist nur geschehen?“, fragt er unter Tränen. „Wie konnte das passieren?“ - „Haben Sie denn keine Vermutung?“, hakt Frühling nach. - „I-i-ich? O nein! Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wer das getan haben könnte“, stottert Brüller. - „Es könnte doch auch ein Unfall gewesen sein“, insistiert Frühling. - „Wie? Ach so. Natürlich.“ Brüller ist offensichtlich verwirrt. „Herr Brüller“, fährt der Kommissar fort. „Ich sehe Ihnen doch an der Nasenspitze an, dass Sie etwas wissen.“ - „Nein! Wie kommen Sie darauf? Ich werde niemals falsches Zeugnis ablegen wider meinen Nächsten.“ - „Glauben Sie bloß nicht, dass Sie mir davonkommen. Wir unterhalten uns noch.“ Damit wendet sich Frühling ab.

Das Häufchen CDUler hat sich vor der „Perle“ versammelt, begutachtet die Achten in ihren Fahrrädern und die Beulen und pustet auf Schrammen. „Müssen wir noch hierbleiben?“, fragt Holztisch Frühling. „Brauchst du noch unsere Aussagen?“ - „Nee, fahrt mal nach Hause. Wenn ich was von euch brauche, melde ich mich.“ Das Gespräch wird abrupt unterbrochen. „Manni!“, schreit Blösing. „Das gibt´s doch gar nicht. Komm mal her, ich habe was gefunden!“

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