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Die Ruhe vor dem Sturm

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Von Karin Printing

Borken. „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich. Und ich frage mich, denkt gelegentlich jemand mal an mich?“ Ganz so schlimm wie in dem Lied der Comedian Harmonists ergeht es Ruud Schomacker nicht. Der 63-Jährige arbeitet in der Bus- und Taxizentrale der Firma Menchen in Borken und nimmt Anrufe entgegen. Nur heute zwischen 22 und 23 Uhr nicht.

Es ist Montag und damit der traditionell ruhigste Tag im Taxigeschäft. „Letzten Samstag, da war hier die Hölle los“, erzählt der gebürtige Niederländer, der seit 1979 in Deutschland lebt. Von 22 Uhr bis zum Sonntag gegen 7 Uhr früh hätte da das Telefon ununterbrochen geklingelt. „Da hätte ich Sie hier nicht gebrauchen können“, setzt er noch nach.

Aber diese Ruhe habe auch seine Vorteile. „Ich kann so ungestört die Abrechnungen der Busfahrer machen und auch schon mal planen, wann die über 20 fest angestellten und freien Taxifahrer in den nächsten Tagen fahren sollen.“

Also legt er los. Nur unterbrochen von dem Besuch einer Putzfrau und eines Busfahrers, der sich nach der letzten Fahrt abmeldet, und durch die Funkgeräusche eines Taxiunternehmens aus Duisburg. Duisburg? „Wir haben die selben Frequenzen. Darum kann ich deren Funkverkehr mithören und die meinen“, erklärt der Fan der zwei Fußballvereine FC Twente und Adler Weseke. „Allerdings ist bei denen heute auch nicht viel los“, stellt er fest. An solchen Tagen könnte es dann schon mal passieren, dass der Mann in Duisburg und er in Borken via Funk Kontakt aufnehmen und über „dies und das“ reden. „Trotzdem“, erzählt der gebürtige Enscheder, „auch in der Woche passieren mal merkwürdige Geschichten“. Letzte Woche erst. Drei junge Männer hätten da ein Taxi nach Paris bestellt. Von Raesfeld aus. Los ging die Fahrt morgens gegen 6 Uhr. Abends gegen 22 Uhr war der Taxifahrer nach über 500 Kilometern Fahrt wieder in Borken. Die Kosten der Fahrt: Ein Betrag in vierstelliger Höhe. So etwas passiere natürlich nicht häufig und so ruhig wie an diesem Montag werde es in den nächsten Wochen auch nicht mehr zugehen. Die Weihnachtszeit stehe ja vor der Tür und damit auch die zahlreichen Advents- und Weihnachtsfeiern in der Woche. Heute also noch einmal „die Ruhe vor dem Sturm“. Nach dem letzten Wochenende aber auch ganz schön.

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