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Forschen & Heilen

Die Sonne verliert ihren Glanz

Martina Döbbe

Wer trauert, trägt (oft) Schwarz. Wer trauert, sieht (oft) schwarz. Seine Perspektiven. Seine Lebensplanung. Alles ohne den Menschen, den man gerade verloren hat. Die Sonne verliert an Glanz. Die ganze Welt taucht in ein „Grau-in-Grau-Gemisch“. Eine Reaktion, die viele Menschen erleben. Und durchleben. Und die völlig normal ist, erklärt Dr. Anette Kersting. Denn irgendwann geht es auch Schritt für Schritt wieder zurück in den Alltag.

Trauernde Menschen können wieder lachen, die Phasen der düsteren, bedrückten Stimmung werden kürzer, das Interesse am Leben kehrt zurück. Doch es gibt auch Menschen, die auf diesem Weg stecken bleiben. Die in ihrer Trauer verharren. Die nicht weiterkommen. „Trauer kann gesundheitliche Schäden hervorrufen“, erläutert die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin.

Diese „anhaltende Trauer“ ist ein eigenständiges Krankheitsbild, das durch verschiedene Studien erforscht und untersucht worden ist. Anette Kersting widmet sich dabei – unter anderem – auch einem ganz speziellen Bereich: „Eltern, die ihr Kind noch während der Schwangerschaft verloren haben“.

Die Oberärztin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie leitet ein Forschungsprojekt, das sich ein Jahr lang ausschließlich diesem Thema widmet – und das das Bundesfamilienministerium finanziell unterstützt. Es geht darum, Hilfsangebote zu erarbeiten und Wege zu finden, wie man Betroffenen helfen kann. Das Projekt läuft über das Internet, die Teilnehmer können über fünf Wochen lang von zu Hause aus (bundesweit) daran teilnehmen. „Es ersetzt keine persönliche Therapie“, betont Dr. Kersting, sei aber für manche ein erster Schritt, aus der Trauerphase herauszufinden.

Wie lange eine Trauerzeit dauert, wie intensiv man sie erlebt, das sei individuell sehr verschieden. „Wir sind keine Roboter. Jeder von uns empfindet anders und braucht unterschiedliche Zeit“, rät Anette Kersting, sich nicht selbst unter Druck zu setzen. Und sich nicht unter Druck setzen zu lassen. „Eine gewisse Zeit wird jedem zugestanden, dann aber werden Mitmenschen oft ungeduldig, haben kein Verständnis, warum der Trauernde den Tod eines Menschen noch nicht überwunden hat.“ Betroffene beschreiben ihre Gefühle als Mischung aus Bitterkeit und Angst vor der Zukunft, vor dem Alleinsein, sie sprechen vom emotionaler Taubheit und empfinden ihr eigenes Leben nur noch als leer und sinnlos.

Besonders schwer sei es für Eltern zu ertragen, ein Kind zu verlieren. „Es ist die Umkehr des natürlichen Lebensprozesses. Wir sind gewohnt, dass die Alten vor den Jungen gehen. Umgekehrt kann man es gar nicht akzeptieren“, erfährt die Psychoanalytikerin in Gesprächen mit Betroffenen immer wieder. Für viele junge Menschen, die ein Kind verlieren, sei es oftmals zudem die erste Begegnung überhaupt mit dem Tod. „Das ist ein tiefer Schock.“ Manche Frauen erleben echte Trauerhalluzinationen.

„Sie hören im Raum nebenan ihr Baby schreien, wissen aber genau, dass das nicht sein kann, dass ihr Kind ja tot ist“, berichtet Dr. Anette Kersting von intensiven Sehnsüchten, die diese Trauerphase begleiten. Speziell um Mütter und Väter zu unterstützen, gibt es in der Klinik auch eine Ambulanz für trauernde Eltern. „Den größten Wunsch, die Rückkehr ihres verstorbenen Kindes, kann ihnen niemand erfüllen. Wir können sie nur in ihrer Trauer begleiten, mit ihnen sprechen, ihnen Hilfe anbieten bei der Rückkehr in den Alltag.“

Die Gefahr der sozialen Isolation oder auch einer Krise zwischen den Eltern sei oft spürbar. Die Mitarbeiter der Ambulanz möchten da helfen, wo die Betroffenen allein nicht mehr weiterkommen. Oft reiche schon der Anblick eines Kinderwagens auf der Straße aus, um trauernde Eltern selbst längere Zeit nach Verlust ihres eigenen Kindes wieder in ein tiefes emotionales Loch fallen zu lassen.

„Es ist immer schlimm, einen geliebten Menschen zu verlieren.“ Das ist die eine Seite der Trauer. Die andere sei, dass es vielen auch schwer falle, mit trauernden Menschen umzugehen. „Wir verbannen und verdrängen den Tod aus unserem Leben. Wenn dieses Ereignis dann eintritt, sind wir oft unvorbereitet, hilflos, wissen nicht, wie wir uns am besten verhalten.“ Dr. Anette Kersting rät den Trauernden, selbst ein Signal zu setzen: „Zeigen Sie, ob Sie reden möchten. Oder noch lieber Abstand brauchen und in Ruhe gelassen werden möchten.“ Das erleichtere der Umwelt den Umgang, nehme die Unsicherheit.

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