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Dieter Hildebrandt hat noch viel zu sagen

unserem Mitarbeiter Markus Kleymann

Lüdinghausen - „Das Kabarett ist längst tot“, sagt Dieter Hildebrandt. „Es hätte sich schon lange erledigt, wenn Sie nicht immer zur Beerdigung kommen würden.“ 83 Jahre ist der Altmeister des deutschen Kabaretts inzwischen alt. Schon lange könnte sich Hildebrandt zur Ruhe setzen. Doch das will er nicht, auch wenn er gerne mit seinem fortgeschrittenen Alter kokettiert.

Er will aber auf der Bühne weitermachen, selbst wenn ihn bisweilen Koliken aufgrund von Gallensteinen an der Ausübung seines Berufes hindern. Am Freitagabend aber, in der ausverkauften Realschulaula in Lüdinghausen, war er putzmunter. Dort präsentierte Hildebrandt mit schier unglaublicher Energie sein neues Programm „Ich kann doch auch nichts dafür“.

Nur mit Tisch und Stuhl auf der Bühne und ohne viel Schnörkel nimmt er sich wie gewohnt Politik und Gesellschaft vor. Nichts und niemand ist vor ihm sicher. Ob Sarrazin, die Atomdiskussion („Ich würde auch gerne meine Steuer von der Steuer absetzen“), der Missbrauch in der katholischen Kirche, ob Bayrische Landesbank oder die Diskussion um die „Bildungs-Chips“: Hildebrandt ist auf der Höhe der Zeit und zeigt eindrucksvoll, dass das Alter nicht vor einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Leben schützen muss. Dabei outet er sich als „notorischer Zeitungsleser“, der seine Informationen vorzugsweise aus diesem Medium bezieht.

Und doch stößt Hildebrandt an Grenzen - nicht mit seiner Energie, denn er will nach wie vor die Welt verändern. „Ich kann doch auch nichts dafür“ - diese Beteuerung durchzieht sein Programm. Hildebrandt verzweifelt nicht selten daran, dass sich Zeitgenossen mit diesen Worten immer wieder ihrer Verantwortung entziehen. Das macht ihn ratlos, aber auch wütend.

Hildebrandt hat noch viel zu sagen. Seine Gedanken sind streitbar, und nicht jeder mag damit einverstanden sein. Doch den Besuchern in Lüdinghausen ist nach fast zweieinhalb Stunden klar: Nur gut, dass Dieter Hildebrandt noch live zu hören und zu sehen ist. So wird das Kabarett noch lange weiterleben.

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