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Eigenwillige Raserey: So ging die Obrigkeit mit Karneval um

Jürgen Klein

Karneval – das war früher auch eine Geschichte der Ausschweifungen und der Auseinandersetzungen mit der humorlosen Obrigkeit. Als einer der frühesten Belege dafür darf der Bericht des langjährigen Leiters des „Paulinischen Gymnasiums“, Hermann von Kerssenbrock (1519 – 1585), gelten. Kerssenbrock, selbst strenggläubiger Jesuit, beschreibt in seiner „Geschichte der Wiedertäufer zu Münster in Westphalen“ das ausartende Geschehen an Fastnacht:

„Das Carneval feiern sie mit solcher Ausschweifung, daß sie glauben, bei dieser Gelegenheit seyn ihnen alle Thorheiten erlaubt. Denn, von einer eigenwilligen Raserey beseelet, laufen sowohl Männer als Weiber mit scheußlichen Larven und in ungewöhnliche Kleidung gehüllt mit brennenden Fackeln umher, wobei auch Trommeln und Pfeifen nicht vergessen werden. Die Männer stecken sich in Weiber- und die Weiber in Männerkleider . . . Die anderen erlustigen sich unterdessen mit Tanzen, und durch den freigebigen Wirth dazu aufgefordert, trinken sie mit langen Zügen; und damit sie, um zu trinken, nicht nöthig haben, die Larve abzuthun, bedienen sie sich einer silbernen oder zinnernen Röhre, welche sie an dem Hals hängen haben, was aber von dem Getränk in der Röhre zurück bleibt, lassen sie auf eine höchst ekelhafte Weise wieder in den Becher laufen.“

„Na, dann Prost“, könnte man da nur sagen. Egal, die Münsteraner feierten seinerzeit vom „lutken vastelabend“, dem als „kleine Fastnacht“ bezeichneten Donnerstag vor Fastnacht, bis zum Fastnachtsdienstag faktisch ununterbrochen, was das Zeug hielt!

Und von den Handwerksgesellen der Zünfte, die durch die Straßen zogen und bei jedem Meister Geld, Fleisch und Würste sammelten, um ein höchst opulentes Festmahl zu bereiten, heißt es bei Kerssenbrock:

„Sie saufen, fressen und schwelgen dergestalt, als wären sie dazu geschaffen, um alles gänzlich durchzubringen. . . . Für den morgenden Tag sind sie unbekümmert. Wider die Gewohnheit der Westphälinger gehen fast so viele Becher herum, als Personen bei dem Schmause sind. Nicht ohne Lebensgefahr nöthigen sie sich zuweilen untereinander, gleich stark zu trinken.“

Da soll mal einer sagen, dass die Westfalen nicht trinkfest sind! Der Obrigkeit und dem Rat der Stadt Münster gefiel das ausgelassene Karnevals-Treiben freilich gar nicht. Deshalb verstärkte der münsterische Rat seinen Kampf gegen die Fastnachtsfeiern.

Das belegt etwa ein Ratsbeschluss vom 29. Februar 1608 – eines von vielen Dokumenten zur münsterischen Karnevalsgeschichte, die Irmgard Pelster und Anke Wollenweber vom Stadtarchiv vorlegen können. In diesem Beschluss heißt es: „ . . . nachdem eine Zeit her allerhand Unordnung beim Fastnacht durch das Larven, Mummerei, Reiten und dergleichen Üppigkeit eingerissen, dergleichen Unwesen eins vor all ganz abzuschaffen und zu verbieten.“

Besonders erfolgreich scheinen diese Bemühungen indessen nicht gewesen zu sein, das Feiern und die Ausgelassenheit in dem damaligen Münster zu unterdrücken – nicht nur an Karneval!

Wie sonst wären die Worte des spanischen Gesandten bei den Friedensverhandlungen von 1646 – 1648, Don Gaspar de Bracamonte y Guzman, Graf und Grande von Peneranda, Herr von Boveda und Cantaracillo, in einem Brief nach Spanien zu verstehen: „Ganz Münster ist ein Freudenthal“.

Aus diesen seinen goldenen Worten leitete die zweitälteste Karnevalsgesellschaft in Deutschland ihren Namen ab.

Die wohl erste bekannte Karnevalsgesellschaft in Münster war die „Grote Cumpanei“ von 1556 bis 1608, parallel dazu gab es um 1556 eine weitere Karnevalsvereinigung mit dem Namen „Ipsenbrüder“. Die zahlreichen Verbote des Karnevals und Geldstrafen für Maskierungen konnten das Karnevalsgeschehen nicht aufhalten und führten schließlich dazu, dass Fastnachtsveranstaltungen und -feiern etc. fast nur noch in geschlossenen Räumen stattfanden. Entsprechende Genehmigungen mussten jeweils beantragt und jedes Jahr erneut eingeholt werden.

Den Münsteranern passte die 1815 auferlegte preußische Fremdherrschaft ebenso wenig wie den Kölnern. Hier wie dort war der preußischen Oberhoheit das karnevalistische Treiben suspekt. Im Jahr 1822 schlossen die Karnevalsreformer aus Köln mit den preußischen Staat ein Kompromissabkommen. Damit war der „organisierte Karneval“, den die Obrigkeit besser kontrollieren konnte, geboren.

Die Obrigkeit in Preußen blieb dennoch misstrauisch. So vermutete der Staat in der Folgezeit der 1848er Jahre selbst bei der Gründung eines Gesangsvereines politische Hintergründe. Mit welcher Skepsis die Obrigkeit dem Karneval gegenüberstand, geht aus einer Polizeiverordnung von 1899 hervor:

§ 1: Das Erscheinen von Maskenzügen oder einzelnen Masken auf den Straßen, öffentlichen Plätzen und Promenaden ist nur an den drei Faschingstagen und am Fastnachts-Sonntag erst von Mittags 12 Uhr an zulässig.

§ 2: Alle maskirten Personen, gleichviel ob mit oder ohne Gesichtsmaske müssen eine Maskenkarte haben, welche nur für die Person gültig ist, für welche sie gelöst ist; sie hat nur für den Tag der Lösung Gültigkeit. Solche Karten sind auf dem Polizeiamt zu haben.

§ 3: Weibliche oder als solche maskirte Personen dürfen auf den Straßen. öffentlichen Plätzen und Promenaden nicht in Gesichtsmaske erscheinen.

§ 5: Ob eine Person als maskirt zu betrachten sei, ist im einzelnen Falle direkt von dem diensthabenden Polizeibeamten zu entscheiden.

In „dieselbe Richtung“ weist auch die „Ordnung betreffend Erhebung von Lustbarkeitssteuern im Bezirke der Stadt Münster“ vom 30. Dezember 1896, die für „Lustbarkeitsveranstaltungen“ besondere Auflagen vorsah: § 1 Für die im Bezirke der Stadt Münster stattfindenden öffentlichen Lustbarkeiten sind an die hiesige Stadtkasse nachstehende Steuern zu entrichten und zwar: 1. Für die Veranstaltung einer Tanzbelustigung: a. wenn dieselbe bis längstens 12 Uhr nachts dauert . . . 10 Mark b. wenn dieselbe über 12 Uhr nachts hinausdauert . . . 20 Mark c. wenn dieselbe von Masken besucht wird . . . 30 Mark

Man sieht, dass es auch hier den Karneval wieder besonders traf. Aber ungeachtet aller polizeistaatlichen Behinderungen und Verbote schaffte der Karneval in Münster seinen Durchbruch noch im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt dank der KG Freudenthal.

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