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Klassiker auf Rädern

Ein Adler mit Getriebe

Peter Beckmann

Greven - Eigentlich ist Ludger Schürhoff ein gestandener Autofahrer, den so schnell nichts erschrecken kann. Doch das alte Auto aus dem Jahr 1935 mit seinen 25 Pferdestärken weist ihn in seine Schranken. Um es deutlich zu sagen: Schürhoff legt sich beim Fahren dieses wirklichen Oldtimers die Karten. Kasus knaktus bei Adler Trumpf Junior ist die Schaltung.

„Das Hochschalten habe ich inzwischen im Griff, das Runterschalten klapp einfach nicht“, sagt er völlig verzweifelt. Denn beides ist nicht so einfach wie bei den heutigen hoch technisierten Gefährten. Beim Hochschalten der Gänge muss der Fahrer zwischendurch die Kupplung loslassen und dann wieder treten. Das beherrscht der Getränkehändler und Bierverleger inzwischen aus dem Eff-Eff. Beim Runterschalten muss der Fahrer Zwischengas geben um das Getriebe auf die Passende Umdrehungszahl zu bekommen. Wie gesagt: Da legt sich Schürhoff die Karten. „Das Getriebe macht einen Höllenlärm, die Gänge lassen sich nicht schalten“, erklärt er. Ausweg: Er lässt das Auto ausrollen - und fängt im ersten Gang wieder an.

Zu dem automobilen Schätzchen ist Schürhoff, der das Grevener Adler-Bier wieder belebt hat und auch vertreibt, durch Zufall gekommen. „Eigentlich wollte ich mir als Werbe-Gag ein Adler-Motorrad kaufen“, erzählt er. Auf die Idee ist er gekommen, weil seine Kundschaft von seinem Adler-Fahrrad, das in seinem Getränkemarkt an der Decke baumelt, so begeistert war. Wie gesagt: bei der Internet-Recherche nach einem Adler-Motorrad stieß er auf dieses Auto und verguckte sich sofort in den Oldtimer. „Ich bin mit dem Besitzer schnell einig geworden“, erzählt er.

Aus Dessau wurde das Gefährt - ausgestattet mit einem original DDR-Kraftfahrzeugbrief - abgeholt und dann auseinander genommen. „Optisch war der Adler toll in Schuss, die Technik ließ allerdings sehr zu wünschen übrig“, erinnert sich Schürhoff. Schließlich hatte der Wagen seit 1968 in einer Ecke einer Autowerkstatt gestanden und war nicht mehr bewegt worden.

Rund 200 Stunden investierte ein befreundeter KFZ-Mechaniker, nahm Motor und Getriebe komplett auseinander. „Ersatzteile haben wir aus ganz Deutschland besorgt.“ Außerdem musste die komplette Inneneinrichtung wieder neu aufgebaut werden. „Die Sitze bestanden nur noch aus Drahtgestellen“, erzählt Schürhoff.

Dann der Tag, als das automobile Schätzchen dem TÜV in Roxel vorgestellt werden sollte. „Wir sind bis kurz vor Hansell gekommen, da ist uns der Vergaser um die Ohren geflogen und der Wagen fast abgebrannt.“ Beim nächsten Mal klappte alles viel besser, und seit dem läuft der Oldtimer wie ein Dödcken.

Und das sogar täglich. „Ich bin nicht so ein Oldtimer-Fan, der eine Stunde fährt und anschließend fünf Stunden das Auto putzt“, verdeutlicht Schürhoff. Und deswegen nutzt er den Wagen für kleinere Wege, um dann auch endlich irgendwann die Schaltung in den Griff zu bekommen. Aber auch für Ausfahrten mit der Ehefrau nutzt er den Wagen gerne. „Es ist sowieso besser, wenn ein Beifahrer an Bord ist.“ Denn der ist dann immer für den Blinker zuständig, der ziemlich weit rechts am Armaturenbrett angebracht worden ist. „Anscheinend da, wo gerade Platz war“, vermutet der Getränkehändler.

Und so fährt er dann zusammen mit seiner Frau mit rund 40 Sachen durch die Gegend. „Das ist purer Genuss ohne Hetze.“ Und: „Alle, die das Auto sehen, lächeln sofort und winken uns zu“, so seine Erfahrung.

Technisch hat der Oldtimer einige Highlights. Zum Beispiel das Starten. Denn einen Zündschlüssel sucht man vergebens. Dafür hat Schürhoff einen „Hundeknochen“. Also ein seinem Namensgeber ähnlichen Gegenstand, mit dem im Fußraum des Beifahrers die Zündung aktiviert wird. Dann muss der Choke gezogen werden, und nach einem Tritt auf den Knopf, der oberhalb des Gaspedals angebracht ist, springt der Wagen denn tatsächlich an - wenn man alles richtig gemacht hat.

Für einen klaren Durchblick sorgt ein Scheibenwischer, dessen Motor am Rand der Windschutzscheibe angebracht ist. Allerdings wurde dabei nur an den Fahrer gedacht, die Beifahrerseite wurde ignoriert.

Aber absolutes Highlight ist die „Klimaanlage“ des Oldtimers. Denn zum Lüften stellt man einfach mit Hilfe von drei Riegeln die Windschutzscheibe auf - einfacher gehts nicht.

Gern nimmt Schürhoff den Wagen als Eye-Catcher mit, wenn er auf Festen für sein Adler-Bier wirbt. Aber für einen besonderen Einsatz ist das Auto wie gemacht. „Ich habe schon zwei Bräuten versprochen, sie mit dem Auto bis zum Altar zu fahren.“

Hoffentlich klappts bis dahin mit dem Runterschalten . . .

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