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Ein exklusives „Wunder“

Dorle Neumann

Port-au-Prince/Münster - „Wir haben einen Tipp bekommen . . .“ Dr. Sanjay Gupta, Korrespondent für den US-amerikanischen TV-Riesen und Nachrichtenkanal CNN, steht vor grünen Sichtschutzwänden und verspricht seinen Zuschauern eine dramatische Exklusivgeschichte.

Hinter ihm in dem provisorischen Feldlazarett werde ein 28-jähriger Mann behandelt, der nach vier Wochen aus den Trümmern eines zusammengestürzten Marktes in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince gerettet worden sei, berichtet Gupta in dem Beitrag, der mehrere Stunden auch als Video auf der Internetseite von CNN angeschaut werden kann

Der 28-Jährige, dessen Namen er mit Evan Muncie angibt, habe den Rettern berichtet, dass ihn „ein Mann in einem weißen Mantel“ mit Wasser versorgt hätte. Die Ärzte, die den Mann jetzt versorgten, hielten es daher für nicht ausgeschlossen, dass der 28-Jährige seit dem ersten schweren Beben verschüttet war.

Anschließend zeigt CNN auch das Fotos eines ausgemergelt und völlig erschöpft wirkenden Mannes auf einer Liege, der an medizinische Geräte angeschlossen ist. Sein Bartwuchs ist nicht sehr ausgeprägt. Sanjay Gupta erläutert den Zuschauern auch, warum es in seinem Exklusivbericht keine Live-Bilder gibt: „Er ist noch sehr verwirrt“, habe noch nicht richtig begriffen, dass er nicht mehr unter Schuttbergen vergraben ist. Einige Stunden später zeigt CNN - nach lukrativer Cracker-Werbung - eine kurze Szene am Bett des Mannes. Zwei Krankenschwestern halten etwas unvermutet Beutel mit Infusionslösungen hoch.

Die deutschen Nachrichtenagenturen reagieren verhalten und eher skeptisch auf die CNN-Geschichte. „Eine unabhängige oder offizielle Bestätigung für die Geschichte gibt es bislang nicht“, heißt es bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auf Nachfrage. Als Nachricht bietet die Agentur eine Schilderung des CNN-Berichts an. Bei der deutschen Associated Press (apn) schenkt man sich diese Berichterstattung völlig: „Wir haben ein eigenes Reporterteam für die internationale AP vor Ort - wenn die die Informationen hätten, dann hätten wir auch eine Story“, erklärt der zuständige Redakteur.

Man wolle keine Falschmeldungen verbreiten. Weder von Hilfsorganisationen vor Ort noch von haitianischen Behörden kam gestern irgendein Hinweis auf ein solches „Wunder“ nach vier Wochen. Fotos von dem Geretteten waren ebenfalls nicht auf dem sonst so prompt reagierenden Nachrichtenmarkt verfügbar.

Laut CNN hatten Verwandte den stark ausgetrockneten und unterernährten Mann am Montag zu einem von der Universitätsklinik Miami eingerichteten Feldlazarett gebracht. Er habe offene, eiternde Wunden an den Füßen, ansonsten seien keine äußerlichen Wunden festgestellt worden, erklärte der behandelnde Arzt Mike Connelly dem Sender. Ob Muncie tatsächlich seit dem verheerenden Beben vom 12. Januar unter dem Schutt lag, konnte bislang nicht geklärt werden.

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