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Ein Genosse ruft Halleluja

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Frühling und Blösing können ihre Überraschung nicht verbergen. „Brennender Dornbusch? Rache? Ich kapier‘ nichts mehr“, resigniert Blösing und lässt sich in seinen Rollstuhl plumpsen. „Was soll da für eine Zusammenhang bestehen?“ – „Nun, der Anschlag ist doch offensichtlich von Gegnern des Rockmuseums verübt worden“, erläutert Wiesel flink. „Und Weiße war doch auch Museumsgegner. Hatte er vielleicht Kontakt zu dieser militanten Gruppe? Was, wenn der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern eskaliert ist? Was, wenn die Befürworter Weiße außer Gefecht gesetzt haben und sich die Gegner mit Brandanschlägen rächen ? Wenn das so weitergeht, haben wir bald noch mehr Leichen und verkohlte Batik-Hemden in der Stadt. Ich persönlich fürchte ja um die schicke Strick-Latzhose von Peter Borschtsch.“ – „Jungs, ich brauch 'ne Pause zum Nachdenken“, sagt Frühling. „Heute erreichen wir doch nichts mehr. Lasst uns nach der Beerdigung weiterreden. Ach ja, mit Windhöft müssen wir ja auch noch sprechen. Vielleicht hat der ja tatsächlich mit dem Mord an Weiße zu tun.“ In dem Moment klingelt Blösings Handy. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Anrufer wendet er sich an Frühling: „Das war ein Mitarbeiter von pepro. Der hat vorhin mitgekriegt, dass ich seinen Chef vernommen habe. Jetzt sagt er mir, dass Talhaus sich heute noch absetzen will. Angeblich ein ganz kurzfristig anberaumter Urlaub. Ich werde mal zuallererst sein Alibi für den Mordzeitpunkt überprüfen.“

Und wieder einmal treffen sich die oberen Zehntausend der Gronauer Gesellschaft zu einem traurigen Anlass: zur Beisetzung von Erich Weiße. Alle sind sie gekommen in die Kapelle auf dem Evangelischen Friedhof. Als Sargträger sind einige Parteifreunde vorgesehen. Helmut Scholten ist nicht begeistert. Sein Rücken... Und auch Raimund Angström guckt, als ob ihm irgendwas die Suppe versalzen hätte. In den ersten Reihe sitzen die Familienangehörigen. Dahinter haben mit betretener Miene die Ratsmitglieder und die Mitglieder der Verwaltungsspitze Platz genommen.

„Hätte ich doch im Rat nicht immer so auf Erich herumgehackt“, murmelt CDU-Ratsherr Willy Holterdipolter vor sich hin. „Tja, für Reue ist es nun zu spät“, konstatiert sein Fraktionskollege Josef Pfeifer. „Ach komm, du warst doch auch nicht viel besser“, gibt Holterdipolter zurück. „Pst, ein bisschen mehr Kontemplation“, kommt der Anpfiff aus der dritten Reihe. Peter Schrammezeck hat die Hände fromm gefaltet und blickt die beiden böse an. „Wir sind hier schließlich auf einem Friedhof. Wenn auch auf einem evangelischen.“

Beigeordneter Markus Püning sitzt verspannt und nervös neben dem Bürgermeister. Schrammezeck fällt auf, dass Püning mehrmals zusammenzuckt. „Mein Gott, ist der nervös“, denkt er. Nur weil er in ein paar Tagen heiratet...“

Pfarrerin De Tamme betritt den Raum. Auch sie macht einen verkrampften Eindruck, fällt dem Redakteur Martin Burg vom Gronauer Anzeiger auf, der live von der Trauerfeier berichtet.

„Liebe Gemeinde“, beginnt die Geistliche ihre Ansprache. „Wir sind heute hier zusammengekommen, um von einem lieben Menschen Abschied zu nehmen. Einem Menschen, der sich der Kirche zwar nicht mehr nahe fühlte, aber dennoch oft zum Segen der Kirche wirkte. Wer war es, der sich gegen das geplante Krematorium eingesetzt hat? Erich Weiße. Und wer hat sich immer wieder gegen das Rockmuseum ausgesprochen, in dem so verdarbte, unchristliche Werte wie ein Goldenes Kalb angebetet werden? Es war Erich Weiße. Und wir, liebe Schwestern und Brüder“, die Stimme De Tammes wird immer lauter, „wir als Christinnen und Christen sollten ihm gerade darin nacheifern. Nehmen wir uns hier und heute das Versprechen ab, an dem Grab, an dem wir gleich stehen werden, dem Rockmuseum ein Ende zu bereiten.“ Die Stimme steigert sich zu einem donnernden Finale: „Wir wollen das Rockmuseum schließen und fortan der Rockmusik entsagen!“

Unter den Gästen der Trauerfeier bricht Unruhe aus. Willy Holterdipolter springt auf. „Das ist ein Affront“, ruft er und stürzt aus der Kapelle, Josef Pfeifer im Schlepptau. Martin Burg weiß gar nicht, wo er seine Kamera zuerst und zuletzt hinhalten soll. Die Sozialdemokraten unter den Trauergästen – Museumsgegner durch und durch – können kaum fassen, was sie da hören. Günthard Balzoriwak springt auf: „Halleluja“, ruft er – ganz entgegen seiner eher sozialistischen Grundhaltung. Aber De Tammes Philippika, so denkt er, bietet völlig neue Chancen im gerechten Kampf gegen die CDU und das Museum. Balzoriwak und seine Genossen kämpfen schließlich seit Jahren vergeblich dafür, das Museum zu schließen, „dieses Millionengrab“. Da ist jeder Mitstreiter recht, und wenn es die Kirche ist. „Wir müssen uns nachher sofort mit der Pfaffin treffen“, raunt Balzoriwak Terhaupthaar zu. „Wir müssen sofort eine neue Strategie erarbeiten.“ Innerlich jubelt er wie 200 erfolgstrunkene Fußballfans am Kreisverkehr zusammen. Voller Ungeduld lässt er das weitere Beerdigungsritual über sich ergehen. Balzoriwak bietet sich sogar an, anstelle seines humpelnden Ratskollegen Scholten den Sarg zu tragen. „Komm, Helmut, lass mich mal machen. Ich hab‘s eilig.“

Doch seine Geduld wird am offenen Grab auf eine harte Probe gestellt. Gerade als die sterblichen Überreste des Oberliberalen in die Grube hinabgelassen werden, zerreißt ein Schrei die Stille des Friedhofs: „Erich!!!!“

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