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Ein Hauch von Normalität - Alltag und Krieg in Afghanistan

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Mazar-e-Sharif - Camp Marmal, das Feldlager im Norden Afghanistans, wirkt auf den Außenstehenden verwirrend. Alltag und Krieg: Die beiden großen Widersprüche im Land scheinen sich hier auf zwei Quadratkilometern zu spiegeln. Auf der einen Seite vermittelt das Lager der Internationalen Schutztruppe (Isaf) einen Hauch von Normalität. Es gibt Cafés und Sportstätten, Geschäfte, eine Wäscherei und eine Kantine, in der gutes deutsches Essen serviert wird. Die Wege sind sauber, an je einer Seite werden sie von einem Bürgersteig gesäumt. Man hört Soldaten lachen und quatschen, manch einer nutzt die freie Zeit auch für ein Sonnenbad. Auf der anderen Seite aber trägt hier jeder eine Waffe, die Zelte sind von dicken Sandsack-Wällen umgeben und das ganze Lager verschwindet hinter einer hohen Mauer. Camp Marmal liegt nur einen Steinwurf von Mazar-e-Sharif entfernt. Ein paar Kilometer hinter dem Feldlager, das das deutsche Hauptquartier für das Regionalkommando Nord beherbergt, beginnt der Krieg. Einer, der dessen Folgen vor ein paar Wochen hautnah erlebt hat, ist Michael Weeke, Pfarrer Michael Weeke. Der 58 Jahre alte Berliner ist der evangelische Militärseelsorger im Camp. Wenn er von den Soldaten spricht, sagt er „Kameraden“. Für die möchte er da sein, ihre Sorgen, ihre Nöte teilen, die kleinen und die großen. Am 15. April waren sie besonders groß. An jenem Tag wurden vier deutsche Soldaten bei einem Gefecht getötet, weitere acht zum Teil schwer verletzt. An jenem Tag sei „die Situation“ besonders dicht gewesen“, sagt Weeke. Er wurde in die Klinik gerufen, sah die Verletzten, sah dort auch die Toten, feierte einen Gottesdienst und kümmerte sich später so gut es ging um seine „Kameraden“. Da sein, so sieht er seinen Auftrag. „Unsere Aufgabe ist es, die Soldaten zu begleiten“, wird sein katholischer Amtsbruder Militärpfarrer Rainer Stahlhacke wenig später sagen. Begleiten in den Einsatz, begleiten aber auch bei dem, was sie tun – und dem, was sie erleben. Krieg und Frieden, in Afghanistan liegt beides dicht beieinander: Einen Kuckucksruf von den Büros der beiden Geistlichen entfernt haben die Heeresflieger ihr Areal. Ihre Halle, in der sieben Transporthelikopter vom Typ CH 53 stehen, sind von einem hohen Zaun umgeben, der wiederum von schweren, mit Kies gefüllten Säcken geschützt ist. Hinter dem Tor steht Sebastian R. Der 25 Jahre alte Oberstabsgefreite ist in Rheine stationiert und möchte seinen vollständigen Namen nicht preisgeben. R ist einer von drei Bordschützen des CH 53, es ist bereits sein vierter Einsatz. Jedes Mal sei die Sicherheitslage schlechter geworden, erzählt er. Und weil vor allem Hubschrauber beim Starten und Landen ein leichtes Ziel für die Taliban abgeben, hat die Bundeswehr reagiert: Die beiden Maschinengewehre links und rechts wurden durch solche mit noch größerem Kaliber ersetzt, zudem bekamen die Helikopter Anfang des Jahres einer dritte Waffe, die jetzt das verwundbare Heck schützt. Befindet sich die CH 53 in der Luft, wird die Heckklappe geöffnet und das M3M ausgefahren. „Wir sind für den Transport von Material und Menschen im gesamten Norden Afghanistans zuständig“, sagt R. Und weil es eben nicht immer möglich sei, „die gefährlichen Gebiete zu umfliegen, wurden die Maschinen eben besser bewaffnet“. So ist sie, die Logik des Krieges. Tom aus der Presseabteilung hatte Samstagabend zu einer kleinen Party geladen. Ein paar Tage zuvor war der US-Amerikaner 54 Jahre alt geworden. Er hatte Kerzen aufgestellt und Fackeln. Es wurde gegrillt und gescherzt, ab acht Uhr durfte jeder Soldat auch zwei Bier trinken. Und alle trugen sie ihre geladenen Waffen wie selbstverständlich bei sich. Alltag im Camp Marmal.

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