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Kapitel 19

Ein letzter Strohhalm

wn

Er schwitzte fürchterlich. Angst, panische Angst kroch in ihm hoch. Er merkte, dass sich die Schlinge um ihn herum immer enger zuzog. Er hatte zwei Menschen auf dem Gewissen, einen dritten ins Koma versetzt. Aber was blieb ihm übrig?

Horstmüller war nicht zu unterschätzen, das wusste er. Wenn der sich an einer Geschichte festbeißt, dann gibt er erst dann auf, wenn sie es sauber durchrecherchiert bis ins Blatt geschafft hat. Den ganzen Abend hatte er Horstmüller daher auch nicht aus den Augen verloren. Bei den Heerscharen, die während des ersten Kirmestages unterwegs waren, keine leichte Aufgabe. Kaum dreht man sich mal für einen Moment zur Seite, geht die Sucherei schon los. Auch Horstmüller hatte offenbar solch einen Moment erwischt. In all dem Gewusel fand er ihn dann aber doch wieder. Allerdings nicht allein. Barbara Mahlberg-Döring war plötzlich auf Horstmüller zugegangen – wenn auch in einem eher unpassenden Moment. Sie fuchtelte wild mit ihren Armen herum und redete auf den Reporter ein. Um was es ging, konnte er nur bruchstückhaft verstehen. „Brief... Kirchhoff kannte den Mörder...“ Obwohl die Musik der Kirmesorgel sich lärmend über das Gemurmel der Bier trinkenden Jahrmarktbesucher legte, reichten diese paar Brocken aus, um sein Herz zum Rasen zu bringen. „Ich bin geliefert“, war sein erster Gedanke. Andererseits: Wenn Horstmüller diesen Brief schon gekannt hätte, wäre er damit längst zur Polizei gegangen oder hätte sich im Emsboten dafür feiern lassen. „Der Brief! Ich muss diesen Brief haben“, redete er sich ein. Immerhin ein Strohhalm, an den er sich klammern konnte.

Als er gesehen hatte, dass Horstmüller beinahe überstürzt die Kirmes verlassen wollte, war er ihm instinktiv gefolgt. Im Sicherheitsabstand – der Emshagen war stockdunkel. Seine Hände zitterten. Auf der Holzbrücke über dem großen Emswehr griffen sie nach einer der Bierflaschen, die vermutlich eine Gruppe Jugendlicher beim Vorglühen für die Kirmes dort leer getrunken hatten. Horstmüller bog vom Kirchplatz nach rechts in die Mühlenstraße ab. Mit der linken Hand kramte der Reporter schon nach seinem Schlüssel – ging aber nicht sofort ins Haus, sondern blieb vor der Tür stehen und öffnete den Briefkasten. Jetzt oder nie! Der Schlag saß. Bloß schnell den Brief nehmen und dann nichts wie weg. Die Mühlenstraße war wie ausgestorben. Er bog im Laufschritt auf den Knickenbergplatz ab, auf dem um diese Uhrzeit ebenfalls der Hund begraben war. Den Flaschenhals, den er noch in der Hand hielt, warf er in den Glascontainer. Zwei Minuten später fiel die Etagentür seiner kleinen Wohnung in der Königstraße hinter ihm zu. Geschafft!

Er zog den Brief aus der Jackentasche. Schweißperlen tropften von seiner Stirn auf das blütenweiße Papier. Die Tinte der ohnehin schwer lesbaren Handschrift verschwamm dadurch noch mehr. Er überflog rasch die Sätze, die ihn ans Messer geliefert hätten, und zerriss die Bögen in tausend Fetzen. Die Schnipsel legte er aus lauter Not in seine Nirosta-Spüle und zündete sie an. Stück für Stück verkohlte ein Beweismittel. Die Asche spülte er mit ganz viel Wasser durch den Abfluss.

Wie konnte es nur so weit kommen? Er hatte doch extra eine Therapie gemacht. Die Ärzte im Rochus-Hospital waren so sicher, dass sie ihm helfen könnten wegen seiner Panikattacken. Und trotzdem hatte er die Nerven verloren. Weil Döring alles abgestritten hatte. Dieses Miststück, dieser Feigling. Hat ein siebenjähriges Kind einfach verbluten lassen. Ein Leben, das noch gar nicht richtig begonnen hatte, war schon wieder zu Ende. Wegen einer Fahrerflucht. Einer albernen Fahrerflucht.

*

Karin Jochimsen wusste im ersten Moment nicht, ob sie träumte. „Brücke an Käpt’n, Brücke an Käpt’n – ein Anruf für Sie“, schnarrte die Stimme von Mr. Spock aus ihrem Handy. Ein Freund – seit frühester Kind ein Fan vom Raumschiff Enterprise – hatte ihr diesen Klingelton besorgt. „Ja, Jochimsen hier“, murmelte die Kommissarin kaum verständlich ins Telefon. Ihre müden Augen fielen auf den Radiowecker neben ihrem Bett. 0.14 Uhr. „Was? Das gibt’s doch nicht! Ich komme sofort!“

Der Dienst habende Notarzt in Telgte hatte sie soeben darüber informiert, dass der RTW gerade auf dem Weg nach Münster sei. „Schlägerei auf der Mühlenstraße“, habe die Leitstelle als Einsatzbefehl herausgeben. Als die Rettungssanitäter wenig später dort eintrafen, lag Horstmüller blutüberströmt auf dem Asphalt. Er war nicht bei Bewusstsein, lebte aber noch. Während der Fahrt zum Franziskus schlug er für einen kurzen Moment die Augen auf. Wollte etwas sagen, aber seine Lippen brachten nur ein stöhnendes Gebrabbel hervor. Der Sani, der neben ihm saß, streichelte ihm den Kopf, der inzwischen mit einem stattlichen Turban umwickelt war, um die Blutungen zu stoppen. „Bleiben Sie ganz ruhig, wir sind gleich da“, versuchte er, seinem Patienten gut zuzureden. Durch das monotone Quietschen der Trage, auf der er lag, und das starke Schmerzmittel, das man ihm offensichtlich gespritzt hatte, schlief Horstmüller augenblicklich wieder ein. So bekam er gar nicht mit, dass er aus dem Rettungswagen gleich auf in die Notaufnahme der Klinik gebracht wurde.

„Ein Kapillarriss in der Schädeldecke, dazu eine Gehirnerschütterung und diverse Schnittwunden“, fasste der übel gelaunte und vom Schlafmangel gezeichnete Assistenzarzt zusammen, als er Karin Jochimsen den Befund in Kurzform vortrug. „Der Patient braucht absolute Ruhe und wird in den nächsten zwei bis drei Tagen nicht vernehmungsfähig sein.“

„Aber...“. „Kein Aber“, wiederholte der Mann in Weiß. „Hier geht es um eine Ermittlung in einem Mordfall. Was rede ich – in zwei Mordfällen“, ereiferte sich die Beamtin. „Und fast wäre noch ein dritter hinzugekommen“, hatte sie aufmal richtig Lust, den arroganten Doc, der vom Alter her ihr Sohn sein könnte, so richtig in den Stiefel zu stellen. „Es ist jetzt zehn nach eins. Um sechs Uhr stehe ich wieder hier und will dann mit Horstmüller sprechen. Ist das klar?“

Wortlos gingen die beiden auseinander. Draußen vor der Tür atmete Jochimsen erstmal kräftig durch. Und schon meldete sich ihr Lungenschmacht. Sie ließ sich auf eine Bank fallen und steckte sich eine Zigarette an. „Hier bitte nicht rauchen“, las sie auf einem Schild der Krankenhausleitung. „Die können mich mal“, dachte die Kommissarin und warf ihr schlechtes Gewissen über Bord.

Das würde ja ein schöner Sonntag werden. Dirks hatte sie frei gegeben, weil auch er darum gebeten hatte, am Telgter Nationalfeiertag mit seinen Freunden einen Zug durch die Gemeinde machen zu dürfen. Ersatz gab’s keinen. Und es hatte ja auch gar keinen Sinn, sich für zwei Tage einen anderen Assistenten an Land zu ziehen, der bei diesem Fall von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Sie rief sich ein Taxi und fuhr zurück zu ihrer Wohnung. Sie wollte wenigstens noch ein paar Stunden schlafen, um fit zu sein für das, was da so alles passieren möge. Sie würde der Lösung des Falls näher kommen. Das spürte sie.

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