1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Ein modernes Fußballmärchen

  6. >

Deutsches Team

Ein modernes Fußballmärchen

Alfons Batke

Pretoria - Es liest sich wie ein modernes Fußballmärchen. Noch vor Monaten hatte Bayern-Verteidiger Holger Badstuber niemand auf der WM-Rechnung. Bis heute hat er lediglich drei Länderspiele auf dem Buckel, seinen ersten Kurzeinsatz absolvierte er vor knapp drei Wochen im Test gegen Ungarn. Am Sonntag, in seinem dritten Auswahlmatch, war er beim umjubelten 4:0 über Australien eine verlässliche Größe auf der linken Abwehrseite und gilt auch für das Serbien-Spiel am heutigen Freitag (13.30 Uhr) als gesetzt.

Man merkt ihm an, dass er sich an die große Fußballwelt mit ihrem Blitzlichtgewitter erst noch gewöhnen muss. Als er am Mittwoch zur Pressekonferenz im DFB-Medienzentrum erschien, lief er stumpf an den schussbereiten Fotografen vorbei. Das hatte nichts mit Arroganz zu tun, sondern war schlicht der Unerfahrenheit und Aufgeregtheit geschuldet.

Seinen ersten Auftritt auf diesem Podium hatte er im Trainingslager von Eppan in Südtirol. Dort wirkte er noch seltsam rat- und hilflos - wohl auch, weil er nicht wusste, ob er überhaupt nach Südafrika fahren würde. Doch die Verletzungsserie gerade im defensiven Bereich machte den 21-jährigen schnell unentbehrlich; wie es scheint, ist die ehemalige Position von Philipp Lahm gut besetzt.

„Ich habe noch gar nicht realisiert, wie schnell das alles im letzten Jahr und insbesondere in den letzten Wochen abgelaufen ist. Man kann da kaum drüber nachdenken, weil immer etwas Neues ansteht. Richtig begreifen werde ich das wohl erst im Urlaub, wenn ich den ganzen Film noch einmal abspulen lasse“, sagt der gebürtige Memminger.

Hinter Badstuber liegt eine atemberaubende Saison mit dem Gewinn des Doubles und dem Erreichen des Champions-League-Endspiels. 49 Pflichtspiele hat er für den Rekordmeister gemacht - er absolvierte 33 Bundesliga-Partien, wurde viermal im DFB-Pokal eingesetzt und brachte es auf zwölf Matches in der europäischen Königsklasse. Doch von Müdigkeit keine Spur: Badstuber präsentiert sich fit und angriffsbereit: „Wenn man sich erst einmal einen Platz erarbeitet hat, will man ihn auch nicht wieder abgeben.“

Trotz seiner WM-Premiere als Linksverteidiger sieht er seine Zukunft im Abwehrzentrum. Auf diese Rolle ist er beim FC Bayern, zu dem er 2002 als C-Jugendlicher wechselte, gründlich vorbereitet worden. „Als ich bei den Amateuren spielte, hat mich Hermann Gerland immer im defensiven Mittelfeld eingesetzt. Und zwar mit Bedacht, denn er wollte, dass ich dort meine Spieleröffnung verbessere. Es hat mir auch Spaß gemacht, da ist man im Mittelpunkt des Spiels, dort kann man es lesen lernen“, erinnert er sich zurück an die Zeit in der 3. Liga unter dem profilierten Lehrmeister Gerland, den sie „Tiger“ nennen.

Badstuber, der das Fußball-ABC von seinem im März 2009 im Alter von nur 53 Jahren verstorbenen Vater Hermann erlernte und zwischenzeitlich von ihm auch in den zwei Jahren beim VfB Stuttgart (2000 bis 2002) trainiert wurde, war sofort auf dem Sprung und stand bei Louis van Gaal ganz oben auf der Liste. Der holländische Meistercoach schätzt das kompromisslose Abwehrverhalten und sichere Passspiel des 1,90 m großen Abwehrrecken. Die Mittelfelderfahrung kommt Badstuber dabei auch auf seiner neuen Position zugute:. „ Ich fühle mich in dieser Rolle gut aufgehoben.“

Komplimente für sein abgeklärtes WM-Debüt gab es von allen Seiten, doch das will Badstuber nicht überbewerten. „Serbien ist ein anderes Kaliber als Australien. Anschließend müssen die Dinge neu bewertet werden.“ Ein Lob aus der Heimat darf er sich freilich einrahmen - das von Gerland: „Wenn ich einen Spieler als gut bezeichne, dann ist das die höchste Form der Anerkennung. Holger ist ein guter Spieler.“

Startseite