1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Ein Schulabschluss, viele Erfahrungen, noch mehr Erinnerungen

  6. >

Lenz Thema

Ein Schulabschluss, viele Erfahrungen, noch mehr Erinnerungen

wn

<1>"Unser Abi-Motto ist noch geheim“, sagt Luisa Ossege. Schließlich haben die Abiturienten des Gymnasiums Laurentianum in Warendorf noch die mündlichen Prüfungen vor sich – genau wie den Chaos-Tag und den Abiball. Die Abizeitung ist auch noch nicht fertig, ihr Mitschüler Alexander Greven hat eine Kamera dabei: Die beiden müssen später noch Fotos von den Sekretärinnen machen.

Letzter Schultag, Motto-Woche, Chaos-Tag, Abiball, Denkmal – die 81 Abiturienten haben viel zu tun. Für die einzelnen Aufgaben haben sie vor einem Jahr Kommitees gebildet. „Hat man da noch Zeit für's Abi“, fragt Michael Risse erstaunt.

<2>Er hat vor 25 Jahren sein Abitur am Laurentianum gemacht. Am letzten Schultag wurde der stufenbegleitende Lehrer mit einer Limousine abgeholt und dann vor der Schule „mit viel Tam-Tam“ gefeiert. „Die meisten Schüler wussten bei uns gar nicht, was passiert. Eine Handvoll hatten das natürlich vorbereitet – aber es war ungeplanter. Es war modern, wenig Regeln zu haben. Wenn ich höre, was für ein Organisationsgrad das heute ist – ich weiß gar nicht, ob das überhaupt jemand gemacht hätte.“

Den großen Abiball und Feten vor den Prüfungen feierte der Abi-Jahrgang 1984 aber natürlich auch. Ganz anders sah es 1959 aus. „Wir konnten es nicht riskieren, vor der Zeugnisüberreichung zu feiern“, erinnert sich Heinz Hubert Wolff. Denn für die Zulassung zum Abitur mussten damals nicht nur die Noten stimmen, sondern auch die „sittliche Reife“. Wenn ein Lehrer einen Schüler in der Öffentlichkeit beim Rauchen oder mit einem Mädchen erwischte – „dann war das schon sehr schlecht“, erklärt Wolffs ehemaliger Klassenkamerad Werner Löbke.

<3>„Gefeiert wurde bei uns natürlich auch“, erzählt er weiter. Allerdings erst nach der Prüfung, zu der die Schüler im schwarzen Anzug erscheinen mussten.

Hatte man bestanden, bekam man seine Abiturmütze. „Wenn man nach Hause kam, hing die Fahne schon aus dem Fenster. An dem darauf folgenden Samstag ging es dann mit Musikkapelle und Kutschen durch die Stadt, und wir zogen dann zu den einzelnen Klassenlehrern.“

Neben der feierlichen Verabschiedung, dem offiziellen Abiball und dem Kommers, erinnern sich Löbke und Wolff gern an die privaten Hausbälle: „Es fanden sich acht bis zehn Leute zusammen. Wir haben Damen eingeladen – und dann wurde gefeiert“, erzählt Löbke.

<4>Eine ganze Stadt ist stolz auf ihre Abiturienten – das hat Michael Risse so nicht mehr kennengelernt. „In unserer Zeit war das Abitur schon ein Massenphänomen.“ Und auch sonst sei alles „etwas humaner“ gewesen: „Die sittliche Reife setzte man voraus, die wurde nicht mehr eigens überprüft.“ Dass ein Schüler zum Schulleiter zitiert wurde, weil man sich mit den Mädchen vom Mariengymnasium getroffen hatte, konnte allerdings auch noch vor 25 Jahren vorkommen. Seit 1979 werden am Laurentianum auch Mädchen unterrichtet, in Michael Risses Jahrgangsstufe waren nur Jungen.

<5>Abi geschafft, alle Partys gefeiert – und dann? Dass er studieren würde, war einem Abiturienten vor 50 Jahren völlig klar, sagt Löbke. Risse hat 1989 erst einmal eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert – so wie viele andere Mitschüler. „In den 80ern stieg ja die Arbeitslosigkeit an“, erklärt Risse. „Und die wenigsten hatten eine klare Vorstellung davon, was jetzt kommt.“ Eine Ausbildung erschien den Abiturienten als sichere, vernünftige Alternative. „Eine gewisse Zukunftsangst war dabei“, glaubt er heute.

Alexander tritt fast direkt nach dem Abitur seine Zivildienst an. „Ich möchte diese neun Monate für die Zukunftsplanung nutzen“, sagt er. „Ich sehe mich noch nicht in in einem Beruf.“ Das liegt wohl auch an den vielen Möglichkeiten. „Es ist schwierig, sich einen guten Überblick zu verschaffen“, sagt Luisa, die vielleicht Politikwissenschaft studieren will. „Man könnte sich wahrscheinlich wirklich ein ganzes Jahr damit beschäftigen.“

<6>Luisa und Alexander sind froh, wenn alles vorbei ist. „Aber ich bin auch ein bisschen wehmütig“, sagt Luisa. Durch die Schülervertretung hat sie auch viel Freizeit mit den Mitschülern verbracht, die Stufenpartys schweißen auf den letzten Metern noch einmal zusammen. „Den Gedanken, was jetzt in zwei, drei Monaten auf mich zukommt, den schiebe ich noch ein bisschen vor mir her.“ Eine Schonfrist hat die 18-Jährige noch: Jetzt müssen erst einmal Sekretärinnen fotografiert werden – für die Abizeitung.

Startseite