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Kapitel 4

Ein Verhör auf der Bank

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Der Montag war absolut nicht ihr Tag. Es begann schon damit, dass morgens der Dienst-Audi nicht anspringen wollte. Der Motor hustete und spuckte mindestens genauso erbärmlich wie sie selbst, als sie sich vor einer Stunde aus dem Bett geschält hatte. Im Unterschied zu ihr kam jedoch das Auto nicht in die Gänge, sondern verröchelte nach mehreren Startversuchen.

„Nichts zu machen, jedenfalls nicht auf die Schnelle!“, meinte ihr Kollege Rainer, der einzige Mann, den sie hin und wieder um Rat fragte. Er hatte einen fachmännischen Blick auf die Kontrollleuchten im Fahrerraum und unter die Motorhaube geworfen. Im Innenraum des Wagens hatte er demonstrativ mehrmals schnüffelnd die Luft eingesogen. Nun grinste er sie an und meinte: „Tja, Kollegin, kleine Sünden bestraft der Herr sofort. Da muss die Frau Kommissarin jetzt wohl mit dem Zug nach Telgte fahren.“

„Mit dem Zug?!“, fragte sie entsetzt. Sie hasste öffentliche Verkehrsmittel, da sie es hasste, von irgendjemandem abhängig zu sein.

Eine Stunde später saß sie dann doch in der blaugelben Bahn, die gemütlich von Münster in Richtung Bielefeld ruckelte. Sie war froh, dass niemand sehen konnte, wie entspannt sie sich in ihrem Sitz zurücklehnte. Eigentlich ganz gemütlich so eine Zugfahrt, dachte sie, wenn nur das Rauchverbot der Bahn nicht wäre!

Kurz vor Telgte schlug plötzlich Regen gegen die Scheiben. Vor ihrer Abfahrt hatte sie noch kurz den Telgter Bezirksbeamten Dirks informiert, dass sie mit dem Zug und deshalb etwas später kommen würde. „Kein Problem“, hatte dieser sie beruhigt. „Unser erstes Verhör findet erst um 12.30 statt.“

Die Zusammenarbeit mit diesem Dirks versprach eigentlich ganz angenehm zu werden, wenn sie ihn auch ein wenig zu diensteifrig fand. Und nun stand er doch tatsächlich mit einem riesigen Regenschirm am Bahnsteig und bot ihr seinen Arm an, damit sie Schutz gegen den Regen suchen konnte! Karin Jochimsen lehnte brüsk ab. Sie zog es vor, den Mantelkragen hochzuschlagen, auch wenn ihr der graue Dutt bald wie ein nasser Schwamm im Nacken hing.

Auf dem Weg die Bahnhofstraße hinunter bemühte sie sich, mit dem langen Polizisten aus Telgte Schritt zu halten.

„Also, am Telefon sagten Sie, das erste Verhör sei um 12.30 Uhr?“ „Ja, die Herren Jäger konnten nicht früher. Es handelt sich um viel beschäftigte Telgter Persönlichkeiten.“ „Schon gut, Dirks“, beschwichtigte sie ihn. „Aber das Büro ist eingerichtet?“ „Jawohl, ich gehe davon aus, dass PC und Telefon einsatzbereit sind.“ „Sehr gut, Dirks“, lobte sie ihn. Daraufhin schien der lange Polizist noch ein Stück zu wachsen, und auch seine Schritte wurden noch länger. Karin Jochimsen geriet allmählich ins Schnaufen. Warum hatte sie nur gerade heute ihre Pumps angezogen?

„Wie ist das eigentlich mit diesem komischen Kauz von der Bank, mit diesem – wie hieß er doch gleich?“, stieß sie gepresst hervor. Mittlerweile hatte sie außerdem Seitenstechen. „Fritz Meierbrink meinen Sie?“, fragte Dirks zurück. „Ja, diesen Meierbrink meine ich. Den sollten Sie doch auch zu einem Gespräch bestellen. Ich sagte Ihnen ja, dass ich in meinen Ermittlungen gerne auf solche Beobachtertypen setze. Wann kommt der?“ Der Bezirksbeamte aus Telgte ließ etwas mit der Antwort auf sich warten. „Der kommt nicht“, sagte er dann kleinlaut.

Karin Jochimsen blieb unwillkürlich stehen und trat dabei mitten in eine Pfütze. Das Wasser drang augenblicklich in ihren rechten Schuh.

„Was soll das heißen, der kommt nicht?“, fragte sie. „Ja, öh . . .“ Auch Michael Dirks war jetzt stehen geblieben und unter seinem schwarzen Schirm errötet. „Er hat gesagt, in das Rathaus setzt er keinen Fuß mehr. Und wenn die Kommissarin etwas von ihm wolle, solle sie zu ihm auf seine Bank kommen!“ „Das hat er gesagt?“, fragte Karin Jochimsen dümmlich zurück. Eigentlich hatte sie sich immer etwas auf ihre messerscharfen Fragen eingebildet. Also, heute war wirklich nicht ihr Tag.

Nachdem der Regen am späten Vormittag aufgehört hatte, wagte Fritz Meierbrink einen Gang zu seinem Beobachtungsposten auf dem Telgter Markt. Ihn trieb die Neugierde. Würde diese kleine, paffende Kommissarin aus Münster zu ihm auf seine Bank kommen – oder nicht? Fritz Meierbrink schmunzelte zufrieden vor sich hin bei der Erinnerung daran, wie er dem Polizisten Dirks unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er nicht gedachte, ins neue Rathaus zu kommen. Er hatte Dirks sogar mit dem Stock gedroht. Das konnte er sich bei ihm erlauben.

Dirks war ein gutmütiger Typ. Er wurde nur heftig, wenn ein Pkw unerlaubter Weise in den Telgter Stadtkern eindrang. Dann wurde er sogar sehr heftig, denn der junge Polizist hatte vor einigen Jahren einen Unfall aufnehmen müssen, bei dem ein kleiner Junge durch ein Auto in der Innenstadt getötet worden war. Deshalb war Dirks ein glühender Verfechter jeglicher Ortsumgehungen.

Die Kommissarin aus Münster konnte Fritz Meierbrink allerdings noch nicht so recht einschätzen, weshalb er eine gewisse Anspannung empfand, als er auf dem Marktplatz ankam. Das Pflaster glänzte vor Nässe nach den Schauern am frühen Vormittag und Fritz Meierbrink musste sich mit seinem Stock vorsichtig vorwärts tasten. Doch es herrschte schon wieder buntes Treiben rund um den bronzenen Ausrufer. Ein Telgter ließ sich durch Regen nicht lange von seinen Aktivitäten abhalten. Einige Kinder waren damit beschäftigt, die ersten Kastanien vom Pflaster aufzusammeln, während sich ihre Mütter unterhielten.

Die Bank stand feucht und verlassen da. Fritz Meierbrink zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte für sich ein Stückchen Sitzfläche trocken. Dann ließ er sich auf seinem Stammplatz nieder und begann zu warten. Er musste nicht lange warten, da näherte sich von der Steinstraße her eine kleine graue Gestalt. Sie zog eine Rauchfahne hinter sich her. Plötzlich blieb sie stehen, warf die Zigarette weg und trat sie auf dem Pflaster aus. Dann steuerte sie auf die Bank zu, wobei sie den rechten Fuß eigenartig vorsichtig aufsetzte. Hatte sie sich verletzt?

Als sie bei Fritz Meierbrink anlangte, fragte sie höflich: „Ist hier frei neben Ihnen?“ „Bitte schön“, erwiderte er knapp. Sie setzte sich, ohne sich an der Feuchtigkeit der Bank zu stören. Jetzt sah Fritz Meierbrink, dass ihr rechter Schuh völlig durchnässt war. Wie konnte man auch nur solche Schuhe tragen?!

„Sie wissen, wer ich bin?“, fragte die Kommissarin neben ihm. „Hm“, antwortete er noch knapper als auf die erste Frage. Sie sollte es nicht so leicht mit ihm haben. „Man hat mir gesagt, dass Sie ein guter Kenner Telgtes sind.“ „Hm.“ „Solche Leute wie Sie brauche ich. Sie haben sich bei meinen Ermittlungen immer wieder als wichtig erwiesen.“ „Hm“, brummte er wieder, aber er konnte nicht verhindern, dass sich dieses Brummen schon ein wenig wohlwollender anhörte. „Also, Sie können mir doch sicher etwas über den ermordeten Baudezernenten erzählen?!“ Fritz Meierbrink schluckte. Klar, was konnte er ihr nicht alles erzählen! Aber er wollte nicht zu eifrig klingen. „Also, der ist nicht besser als andere Politiker auch: Heute so, morgen so.“ „Was meinen Sie damit?“ „Na ja, erst war er die ganze Zeit für den Bau der Umgehungsstraße, dann war er plötzlich über Nacht dagegen.“ „Aha?!“ Die Kommissarin meinte dieses „Aha“ offensichtlich als Aufforderung, weiter zu sprechen. Fritz Meierbrink ließ sie noch ein bisschen schmoren. „Nun, das geschah tatsächlich über Nacht, denn der Döring hat sich eine junge Geliebte zugelegt. So eine grüne Studentin!“ Fritz Meierbrink legte in die Art, wie er das Wort aussprach, all seine Vorbehalte gegen diese Spezies, die seltsame Anschichten pflegte und ansonsten nur herumfaulenzte. Die Kommissarin schien sofort zu verstehen, denn sie fragte nach: „Sie meinen also, es hängt mit seiner Geliebten zusammen, dass Döring in der Frage der Umgehungsstraße umgeschwenkt ist?“ „Ja“, bestätigte Fritz Meierbrink schlicht. Anscheinend ließ es sich doch ganz vernünftig mit dieser Kommissarin reden. Dann sollte er jetzt vielleicht auch das andere erzählen. „Also: Die Frau von dem Döring, die ist übrigens auch nicht so ohne!“ „Nicht so ohne?“ „Ja, die lässt auch keine Männerbekanntschaft aus.“ „Aha?!“ Fritz Meierbrink wusste, dass die Kommissarin Genaueres wissen wollte, aber ein bisschen Arbeit sollte sie sich schon selbst machen. Einen einzigen Brocken wollte er ihr allerdings noch zuwerfen: „Ja und dann gibt es da noch eine Exfrau vor der jetzigen Frau Döring. Eine Verwandte von dem Rechtsanwalt Kroll, Elsa Feldmann. Der hat damals die Scheidungssache für sie übernommen, obwohl er ja eigentlich Anwalt für Wirtschaftsrecht ist. Diese frühere Frau hat es nie verwunden, dass Döring sich von ihr getrennt hat . . . !“

Kommissarin Karin Jochimsen betrachtete ihren rechten Schuh. Obwohl sie ihn eben in ihrem neuen Büro im Rathaus mit einem Stück des Emsboten ausgestopft hatte, war er noch genauso unangenehm nass wie vorher.

Aber nach diesem Gespräch sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Vielleicht war das heute doch ihr Tag?!

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