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Ein Zimmer für drei

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Mit fliegenden schwarzen Haaren rennt Anai mit ihren Brüdern und ihrem Vater zum Auto. Wie fast jeden Morgen ist die Familie etwas zu spät dran auf dem Weg zur Schule. „Oft schaffen wir es nicht, pünktlich zu kommen“, erzählt die zehnjährige Anai aus Tel Aviv in Israel. „Papa kommt erst spät in der Nacht von einem Auftritt zurück. Deshalb ist er morgens müde.“ Anais Vater Ilan Salem spielt Querflöte und ist in Israel ein bekannter Jazzmusiker.

Zeit fehlt Anai nicht nur auf dem Schulweg. Sie hat einen vollgepackten Terminkalender. „Montags und Donnerstags singe ich mit meiner Freundin Sarai im Kinderchor“, erzählt sie. Das Mädchen hat glänzend schwarze Augen, dicke lange Haare und sitzt im Schneidersitz auf dem Bett. Mittwochs lernt Anai Schlagzeug und Xylofon. Sie träumt davon, später Schauspielerin oder Modedesignerin zu werden.

In ihrer freien Zeit trifft sich Anai am liebsten mit Freundinnen oder spielt mit den Perserkatzen der Familie. Der eine Kater heißt Keanu, der jüngere Pablo. Mit ihren Brüdern schläft Anai in einem Zimmer. Drei große Betten stehen darin. Aus dem Fenster sieht man den großen, grünen Garten unter dem Mehrfamilienhaus im Zentrum Tel Avivs. Er wirkt fast wie ein Dschungel mitten in der Stadt.

In Tel Aviv können israelische Kinder ziemlich sorglos aufwachsen. In anderen Teilen Israels ist das nicht so, etwa in der Stadt Sderot, die nur eine Stunde mit dem Auto entfernt ist. Sie liegt an der Grenze zum Gazastreifen, dem Gebiet von Palästinensern. Sdreot wird fast täglich von Palästinensern beschossen. „Ich weiß, dass dort mit Raketen geschossen wird – aber ich denke nicht oft darüber nach“, sagt Anai.

Sorgen macht sie sich aber zum Beispiel über ihre Familie. „Ich weiß, dass Hillel in vier Jahren zur Armee gehen wird“, sagt sie mit sehr ernstem Gesicht. Das müssen in Israel alle jungen Leute. Und als Soldat müssen sie auch kämpfen. Anais Bruder spielt Trompete. Deshalb hofft sie, dass er in das Militärorchester gehen kann anstatt in eine Kampftruppe. „Dann muss ich nicht so viel darüber nachdenken, was ihm alles passieren könnte.“ (dpa)

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