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Eine erschöpfte Nation will endlich wählen

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Washington – Nicht nur die Kandidaten sind geschlaucht. Eine erschöpfte Nation will endlich wählen. Vor gut 20 Monaten hat er begonnen, der längste Wahlkampf der US-Geschichte. Jetzt, kurz vor dem Finale, macht sich Ungeduld unter den Bürgern breit. Auf den Cocktailempfängen der Elite in Washington seufzt man sich zu, dass es nun wirklich genug sei. Aber auch „Joe der Klempner“ und „Joe Sixpack“, im Wahlkampf zum Synonym für Otto Normalbürger geworden, haben es satt. „Es reicht“, sagt Eileen O'Connor in Washington stellvertretend für viele. „Es ist Zeit, dass es endlich vorbei ist.“

So will sie denn auch gleich am Dienstagmorgen wählen gehen, gleich nach Öffnung „ihres“ Wahllokals in einer Grundschule. Das werde wie eine Befreiung sein, sagt die Managerin einer Drogerie. „Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben wiederbekomme.“

O'Connor gehört zu den „Wahl-Junkies“, den Wahlsüchtigen, die tagtäglich die neusten Nachrichten von der Wahlkampffront verschlungen, vor dem Fernseher und dem Computer geklebt haben, seit die Demokratin Hillary Clinton Anfang vergangenen Jahres ihre Kandidatur verkündete. Damit fing er an – der Wahlstress nicht nur für die Bewerber, sondern auch für die Wähler, das Hochrechnen und Aufrechnen, erst im Vorwahlkampf, dann im Hauptwahlkampf, das Verschieben der Farben Rot (für die Republikaner) und Blau (für die Demokraten) auf den interaktiven Wahl-Landkarten im Internet. Da konnte jeder, der es wollte, selbst zum Super-Experten werden wie jene Analytiker, die die US-Fernsehsender in diesen 20 Monaten bevölkert haben wie Heuschrecken. Und man kannte sie alle, diese Experten, namentlich, dröhnte sich mit ihren oft nichtssagenden Einschätzungen zu, schlief schließlich mit der Fernbedienung in der Hand ein.

61 Prozent der Amerikaner, so berichtete das Forschungsinstitut Pew Center Mitte Oktober, haben nach eigenen Angaben die WahlkampfBerichterstattung „sehr genau“ verfolgt, die höchste Zahl seit 1988, als die Einrichtung Statistiken über dieses Wählerverhalten zu führen begann. So saßen noch am vergangenen Mittwoch 35 Millionen Menschen vor dem Fernsehen, als der Demokrat Barack Obama sein halbstündiges „Infomercial“ ausstrahlen ließ. Das waren mehr als beim Finale der TV-Show „American Idol“.

Für die meisten verheißt jedoch der Tag danach den Beginn neuer Freiheit bei der Freizeitgestaltung, in den Gesprächen mit der Familie und mit Freunden – wenn auch für wohl knapp die Hälfte am Ende der falsche Kandidat gewinnen wird. Bei aller Begeisterung mache sich nun in der Wählerschaft ein „ernster Fall“ von Müdigkeit breit, zitiert die „Washington Times“ Michael Brown, Politikprofessor an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz. Aber natürlich seien die Bürger auch sehr „angespannt, sehr erwartungsvoll“. Sie wollten nun endlich das Ergebnis sehen.

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