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Ballett-Nachwuchs

Eine Frage der Zeit

Julia Gottschick

Münster - Der enge Vorraum der Ballettschule platzt aus allen Nähten. Mütter und ein Pulk kleiner Mädchen in hellblauen Trikots drängeln sich dem Übungsraum entgegen. „Erste Position, Charlotte“, ruft Jutta Tenbrock einer Schülerin zu, die schon mal angefangen hat, „da passt noch ein dicker Dackel durch“.

Der Ansturm auf die Ballettstunde täuscht, wie die Chefin der Wolbecker Schule freimütig einräumt. Denn die Anmeldezahlen gehen zu­­rück, und mit ihnen schwindet der Nachwuchs fürs klassische Ballett. Woran das liegt? Jutta Tenbrock grübelt nicht lange. „Die Gesellschaft verändert sich, viele Mütter sind berufstätig, und die Kinder haben ohnehin so viel Action, dass die das Interesse nicht mehr aufbringen, sich längerfristig für etwas zu engagieren.“

Mit dieser Meinung steht sie nicht allein da. Auch Eleonore Sattler, die in Münster ei­ne Ballettschule betreibt, bleiben Schüler weg. Und das, wie sie sagt, „seit der Umstellung von D-Mark auf Euro“. Seither fehle Eltern vielfach das Geld, für eine hochwertige Ballettstunde Entsprechendes auszugeben. „Wer hauptsächlich klassisches Ballett anbietet, hat so seine Sörgchen“, bringt Sattler die Sachlage auf den Punkt.

Grund sei überdies die Schulkultur, jede Menge Brückentage und Unterricht bis in den Nachmittag. „Ich kann doch meine Stunden für Sechs- bis Siebenjährige nicht am Abend geben, das schaffen die nicht“, ist sie sicher. Hinzu kommt: Hiphop, Breakdance und Jazz sprechen junge Leute heute offenbar mehr an und verdrängen die klassische Ausbildung.

„Der Spaß steht im Mittelpunkt und nicht mehr die Anstrengung“, fasst es Jutta Tenbrock zusammen, „dabei“, gibt sie zu bedenken, „kann es doch richtig Spaß machen, sich anzustrengen.“ Kürzer werdende Schulkarrieren bis zum Abi, ein proppenvolles Freizeitan­gebot schon für die Jüngsten - von Sportvereinen, Musikschulen bis hin zu Karneval - „fegen mir die Mittelklassen weg“. Dabei würde sie ihren Nachwuchs-Ballerinen gern eher zwei- als einmal in der Woche Unterricht geben, der Nachhaltigkeit wegen. „Man definiert sich noch über etwas anderes als nur über schulische Leistung, und Ballett ist ein so wunderschönes Hobby.“

Beim Tanzen trainierten Kinder Konzentration und Motorik, Rhythmusgefühl, Koordination und soziales Miteinander. „Wo steht der Nachbar, wie weit kann ich an ihn ran?“, beschreibt Tenbrock was sie meint. Und selbst Prüfungssituationen würden vorschulisch und spielerisch gemeistert.

Ballett als Beruf indes, das ist kurzlebig - mit 35 gilt eine Ballerina als alt - und schlecht bezahlt. „Der Konkurrenzdruck am Theater ist da“, formuliert es Lajos Orosz von der gleichnamigen münsterschen Ballettschule vorsichtig. Da gebe es Mobbing, fast wie im Film Black Swan, „da braucht man fleißig Ellenbogen“, bestätigt Eleonore Sattler. Wer Primaballerina werden will, geht am besten im Alter von etwa zwölf Jahren auf entsprechende Internate. „Die Ausbildung ist hart, und eine Kindheit bleibt da nicht“, nimmt auch Jutta Tenbrock manch einer Mutter die Illusion, die ihr sagt: „Ach, schauen wir mal, nach dem Abi...“

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