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Filmrezensionen

„Eine Perle Ewigkeit“: Medizin gegen die Milch der Trauer

Hans Gerhold

Der Film siegte bei der Berlinale 2009 und erhielt den Goldenen Bären. Man muss das erwähnen, weil der peruanische Film „Eine Perle Ewigkeit“ unter dem Originaltitel „La teta asustada“ (Die verschreckte Brust) und dem internationalen Titel „The Milk of Sorrow“ (Die Milch des Leids) bekannt wurde. Der deutsche Titel des Films von Claudia Llosa, Nichte von Mario Vargas Llosa, lenkt mit der poetischen Assoziation etwas von der Intention des beeindruckenden Frauenporträts ab, das in der Tradition des magischen Realismus steht.

Llosa bezieht sich auf den nationalen Mythos der titelgebenden Krankheit von Frauen, die als Kinder im Mutterleib die Vergewaltigung und Misshandlung ihrer Mütter zur Zeit des peruanischen Bürgerkriegs (1979-1990) erlebten und seither mit angeborenen Ängsten leben. Eine dieser jungen Frauen ist Fausta (Magaly Soler), die bei Onkel und Tante in einem Vorort von Lima lebt, die gestorbene Mutter ins Heimatdorf überführen will und sich, um das Geld aufzutreiben, als Haushälterin bei einer reichen Pianistin verdingt. Von der wird sie wie in kolonialen Zeiten ausgebeutet und um ihren Lohn (die Perlen) gebracht.

Soweit die Außenhandlung, der die Binnenentwicklung von Fausta gegenüber steht. Sie kann über ihre mit der Muttermilch aufgesogene Krankheit nur singen und hat sich als Schutzschild gegen die Außenwelt eine Kartoffel in die Vagina gesteckt. Der Film schildert, wie sich die unter Nasenbluten und Ohnmachtsanfällen leidende Fausta, auch dank eines einfühlsamen Gärtners, langsam der Umwelt öffnet. Sie lernt die Welt der Blumen kennen und lässt eine notwendige Operation zu.

Claudia Llosa inszeniert das mit traumhafter Sicherheit in geduldigen Szenen, die viel Raum lassen, der inneren Reise bei dieser beeindruckenden Trauerarbeit zu folgen, die absolut nichts Deprimierendes hat. Im Gegenteil: Llosa konfrontiert Faustas Loslösung von Todesgedanken mit fröhlichen Massenhochzeiten und humorvollen Szenen.

Die indigene Magaly Soler, von der Regisseurin auf einem Marktplatz entdeckt, ist eine der schönsten Frauen, die in diesem Jahr einen Film schmückten. Herausragend.

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