1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Einfach nur da sein - Kloster neben dem früheren KZ Esterwegen

  6. >

Mauritzer Franziskanerinnen

Einfach nur da sein - Kloster neben dem früheren KZ Esterwegen

Elmar Ries

Esterwegen - Der mannshohe Zaun verbindet mehr, als dass er trennt. Was ei­gentlich ja widersinnig ist, hier jedoch stimmt. Links davon, da lauert die Geschichte. Von tausendfachem Lei­den erzählt sie und tragischem Tod.

Auf der anderen Seite hingegen, da warten das Leben, die Ge­genwart und auch die Zukunft. Ein kleines Kloster steht dort, ein schmuckloser Bau. Es schöpft seine Berechtigung einzig aus dem, was auf der anderen Seite einst war. Jenseits des Stacheldrahtes, keine 20 Meter entfernt, befindet sich das alte Kon­zentrati­onslager Esterwegen.

Die Mauritzer Franziskanerinnen aus Münster pflegen in Esterwegen seit drei Jahren etwas, das sie bedingungslose Präsenz nennen. „Wir sind hier, um da zu sein“, wird Schwester Veroni­ka irgendwann im Laufe des Tages sagen.

65 Jahre nach dem Nazi-Schrecken soll aus dem ehemaligen KZ, diesem traurigen Ort sinnlosen Leidens, ei­ne Stätte des Gedenkens werden. Carl von Ossietzky war in Esterwegen interniert, Julius Leber, Ernst Heilmann. Große Männer mit bekannten Namen, damals nannten sie sich wie alle anderen schlicht Moorsoldaten. 30 000 von ihnen starben hier.

„Gedenkstätte im Aufbau“, nennt Dr. Andrea Kaltofen, die zuständige Geschäftsführerin, diesen düsteren Fleck. Noch können ihn Besucher nur nach vorheriger Anmeldung besuchen. Ende 2011 wird die Gedenkstätte offiziell eröffnet.

Lektion eins im einladenden Konvent: Wer kommen möchte, ist willkommen. Und das sind viele. Knapp 10 000 Besucher zählen die Ordensfrauen pro Jahr. Obwohl es kaum einen Hinweis auf das Kloster gibt, das sich mit Absicht von au­ßen nicht als solches zu erkennen gibt.

Woran das liegt? „Das ist die Besonderheit des Ortes“, sagte Schwester Jacintha bedächtig. Anfangs seien vor allem alte Männer gekommen. Viele hätten Jahrzehnte geschwiegen, obwohl sie vielleicht etwas zu sagen gehabt hätten. Die Neugierde trieb sie her und manchmal auch die eigene Geschichte.

„Beim Besuch im Lager bricht oft etwas auf“, sagt Schwester Angelinis. „Und unser Kloster ist ein Ort, an dem man das herauslassen kann.“ Neben der kleinen Kapelle liegt der Raum der Sprachlosigkeit. Grau ist es hier, dunkel. Auf dem Boden formen rostige Schienen aus dem Lager für den, der es sehen will, ein riesiges Kreuz. Bei manchem betagten Herren bricht hier der Damm.

Ein Zeichen für den Frieden setzen, oder: der Geschichte ins Auge blicken, auch: sich im Gebet der schrecklichen Vergangenheit nähern und: durch die eigene Präsenz wider das Vergessen ein­treten. Ehrbare Motive sind das. Aber längst nicht die einzigen der drei Franziskanerinnen.

Sie sind viel zu lebensklug, um allein im Gestern verhaftet zu bleiben. Sie leben in der Gegenwart, die Menschen von heute sind ihnen wichtig. „In der Gedenkstätte gibt es nur die Geschichte“, sagt Schwester Veronika. „Hier im Kloster gehen wir darüber hinaus.“

Wie aber gehen die Nonnen mit der Last des Ortes um, der Präsenz des historischen Leids, ja, und manchmal auch der erstmals offenbarten Schuld? „Ich bin“, sagt Schwester Jacintha nach langem Schweigen „unendlich dankbar für diese Erfahrung“. Empfindsamer geworden sei sie, noch mehr zurückgeworfen auf den ureigenen Wert des Lebens. „Das Wesentliche packt mich viel mehr.“ Gleichwohl: „Manchmal“, ergänzt Schwester Angelinis, fühle sie sich geistig erschöpft. Vor allem im Sommer, wenn viele Gäste kämen. „Dann bin ich froh zu wissen, abends allein in meinem Zimmer sein zu dürfen.“

Vor knapp vier Jahren hatte das Bistum Osnabrück alle 72 Franziskanerinnen-Konvente angeschrieben. Gibt es Nonnen, die bereit sind, sich in Esterwegen zu engagieren, lautete die schlichte Frage. Von den 700 Ordensfrauen sagten drei Ja. Sie alle sind über 70, wollten sich noch nicht zurückziehen, waren neugierig, mutig und offen für Neues. Sie haben diesen Schritt nicht bereut.

Startseite