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Elegie über eine Legende

Hans Gerhold

Da der Titel „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ den Ausgang verrät, den Western-Freunde eh kennen, kann man sich auf die bei epischer Länge und quälendem Mittelteil interessanten Aspekte dieser Elegie konzentrieren. Das Fazit vorweg: Dies ist kein Meisterwerk, eigentlich auch kein Western, sondern ein Metafilm und Psychogramm zweier Männer, die im Westerngewand von Ruhm und Vergänglichkeit berichten.

Zu Lebzeiten in Groschenromanen verewigt, gehört Jesse James zu den Mythen des Westens. Von Henry King („Jesse James“, 1939) bis Walter Hill („Long Riders“, 1979) haben sich immer wieder Regisseure an der widersprüchlichen Figur des Outlaws und Robin Hoods mit dem Gemüt eines Familienvaters und mit Charakterschwankungen eines bekifften Hippies versucht. Produzent Brad Pitt, der sich mit dem risikoreichen Stoff als mutiger Finanzier erweist, hat diese Ambivalenz gereizt, er übernahm die Hauptrolle und wurde auf dem Filmfestival Venedig als bester Darsteller ausgezeichnet.

Mit nostalgischen Bildern eröffnet Andrew Dominik die bittere Story und inszeniert Jesses letzten Zugüberfall als Hommage an Stummfilmwestern („The Great Train Robbery“), mit denen die Filmgeschichte begann. 1881 ist Jesse James auf der Höhe seines Ruhms und muss sich in seiner Gang, als ihn sein älterer Bruder Frank (Sam Shepard) verlässt, mit halbdebilen Banditen, denen er nicht trauen kann, herumschlagen.

Die schlimmste Schlange an seiner Brust ist Robert Ford (Casey Affleck), jüngster von drei Brüdern, der ihn bewundert wie ein winselnder Hund, der, obwohl getreten, nicht von seiner Seite weicht. Schnell entwickelt Ford, der über weite Teile des Films im Zentrum steht, die Sucht nach Ruhm und sieht nach einiger Zeit nur die Möglichkeit, Jesse hinterrücks zu erschießen, als der im Wohnzimmer ein Bild aufhängt. Das ist historisch korrekt, ebenso wie das unrühmliche Ende des Feiglings, das im Epilog ausgemalt wird.

Wie gesagt, kein innovativer Western – den hat es seit Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ nicht gegeben – , sondern eine in schönen Bildern erzählte Hassliebe. Brad Pitt spielt Jesse als melancholischen, gefährlichen und unberechenbaren Mann. Nur durch ihn, wird beinahe doch noch ein Western daraus.

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