1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. „Elegy“: Vom Macho zum gebrochenen Mann

  6. >

WN_Mobile_Film

„Elegy“: Vom Macho zum gebrochenen Mann

Hans Gerhold

Hedonistisch durch und durch, mit Zynikermaske und dem Intellektuellenbonus des Literaturkritikers, liefert Sir Ben Kingsley in Isabel Coixets „Elegy“, der Verfilmung des Romans „Das sterbende Tier“ von Philip Roth, eine Super-Performance und eine der großen Schauspielleistungen des Jahres ab.

Als prominenter, alternder Professor David Kepesh, der einst seine Familie verließ, verliebt er sich in die 30 Jahre jüngere Studentin Consuela (Penelope Cruz) und durchlebt Höhen und Tiefen einer intensiven Liebesbeziehung, die mit Angst, Sterblichkeit und Verlust endet.

Kingsley tritt anfangs als kompromissloser Macho auf, der dank erotischer Ausstrahlung und verbal ausgefeilter Verführungskunst jede Studentin kriegt, die er will, sich aber auf keinen Fall bindet. Mehr als eine Nacht ist nicht drin. Da ist er Kind der 68er, deren liberales Denken er wie Buchautor Roth verinnerlicht hat. Doch der Mann altert, und es ist möglicherweise die weibliche Perspektive der Regie von Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich“), die die mögliche Monotonie des Macho-Credos aufbricht.

Es ist Consuela, von Penelope Cruz hinreißend als Urbild einer mit körperlichen, seelischen und gefühls-chaotischen Eigenschaften gesegneten Studentin mit experimentierfreudiger Sexualität gespielt, die bietet und fordert, was Kepesh vermeiden wollte. Er verliebt sich ernsthaft und erkennt, was er im Leben verloren hat, entwickelt Bindungswünsche und verliert Consuela bei einem entscheidenden Telefonanruf. Er zerbricht, fängt sich und wird zwei Jahre später, als Consuela sich meldet, mit weiteren Lebenstiefschlägen konfrontiert.

Was bei der Verfilmung von Roths Roman „Der menschliche Makel“ mit der Fehlbesetzung Nicole Kidman und Anthony Hopkins auf allen Ebenen scheiterte, gelingt bei „Elegy“: Kingsley vermeidet das Psychologisieren, setzt auf virilen Magnetismus und zeigt in schweigender Verletzlichkeit Lebenswut, Lebenshass und Selbstzerstörung – und übertrifft gelegentlich Roths Prosa. Die Selbstzerstörung von David Kepesh wird so filmisch überzeugend vermittelt.

Neben Kingsley und Cruz sind in Nebenrollen Dennis Hopper als bester Freund, Peter Sarsgard als Sohn und die großartige Patricia Clarkson zu sehen, die als Kepeshs Geliebte ähnlich wie im zur Zeit laufenden „Married Life“ eine desillusionierte Frau spielt, die sich vom Besitzdenken der Liebe verabschiedet hat.

Dank dieser Besetzung und ausgefeilter Lichtdramaturgie im Halbschattenspiel der Kamera großes, erwachsenes Kino in Reinkultur. Sehenswert.

Startseite