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"Elizabeth": Zeitmaschine unter dem Reifrock

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Bei den unlängst bekannt gegebenen Golden-Globe-Nominierungen ist Cate Blanchett wieder dabei: In „Elizabeth – Das goldene Königreich“ verkörpert die Spitzenschauspielerin zum zweiten Mal die unnahbare britische Regentin aus dem 16. Jahrhundert. Auch diesmal darf wieder über den Oscar spekuliert werden, den sie beim ersten „Elizabeth“-Film 1998 nicht erhielt.

Ebenfalls nominiert war damals Alexandra Byrne. Wer? Frau Byrne schuf die Kostüme zu beiden „Elizabeth“-Filmen. Dreimal war sie bislang schon oscarnominiert, doch bezeichnenderweise kennen sie nur Insider. Zeit für einen Blick auf die vernachlässigte Kategorie des Kostüm-Oscars.

Schlagzeilen macht in der Regel nur, wer die goldene Statuette als beste Mimin oder bester Regisseur verliehen bekommt. Die weiteren Kategorien sind meist schnell vergessen. Wer weiß schon noch, dass „Elizabeth“, Teil eins, tatsächlich einen Oscar erhielt? Jenny Shircore gewann ihn fürs beste Make-up, weil sie Cate Blanchett hinter der Fassade der „jungfräulichen Königin“ verschwinden ließ.

Dabei ist der Kostüm-Oscar eine Kategorie, die fast ausschließlich an die diffuse Gattung des Historienfilms verliehen wird, meist sogenannte „Kostümfilme“, in denen der Fummel der Figuren die Mode der dargestellten Zeit repräsentieren muss. In schlechten Kostümfilmen ist das Kostüm dann meist das einzige, das die dargestellte Zeit repräsentiert: Die Akteure rascheln mit dem Reifrock, doch ihr Spiel bleibt so leblos wie die historisierenden Pappkulissen um sie herum.

In guten Kostümfilmen dagegen unterstützen Kostüm, Ausstattung, Musik, Make-up und vor allem das Spiel der Schauspieler das historische Setting: Man fühlt sich als Zuschauer in die jeweilige Ära zeitversetzt. Solche „period pieces“ (Zeitstücke) können Epochen seit Anbeginn der Zeiten zum Leben erwecken: Die Roaring Twenties, der „Sommer der Liebe“ 1968, selbst die Yuppie-Welt der 1980er Jahre können heutzutage als „period piece“ gelten und den Kostümbildner vor die Aufgabe stellen, diese bestimmte Zeit per Kostüm wieder zum Leben zu erwecken.

Ein Blick auf die letzten Jahre beweist: Tatsächlich sind es fast nur Historienfilme, die den Oscar abgeräumt haben. In den letzten Jahren waren es „Marie Antoinette“ (Frankreich, 18. Jahrhundert), „Die Geisha“ (Japan, 1930er Jahre), „Aviator“ (USA, 1930er/40er Jahre). 2001 gewannen die feschen Antik-Kostüme des Sandalenfilms „Gladiator“, in den zwei Jahren darauf die Musicals „Moulin Rouge“ (Paris, Jahrhundertwende) und „Chicago“ (20er Jahre).

Nur der „Herr der Ringe“ fällt heraus – doch nur auf den ersten Blick. Zwar sind die Kostüme Fantasy, aber doch deutlich an mittelalterlicher Kleidung orientiert: Stellvertrend für die Trilogie gewann „Die Rückkehr des Königs“ 2003.

Fantasy wie „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (nominiert 2006), „Der Grinch“ (nominiert 2001) oder „Harry Potter“ (nominiert 2002, für den ersten Teil) ist tatsächlich die einzige Ausnahme von der Historienfilm-Vormacht in der Kostüm-Oscar-Kategorie. Umso auffälliger, dass sich der einzige „heutige“ Film, der nach vielen Jahren wieder einmal für die „besten Kostüme“ nominiert worden ist, in diesem Frühjahr „Der Teufel trägt Prada“ war – also ein Film über die Modeszene.

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