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Familie droht Abschiebung

Markus Kampmann

Gronau/Ahaus - Dr. Peter Widmann kommt derzeit viel herum in Deutschland: Im Auftrag der Unicef arbeitet der wissenschaftliche Assistent des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin mit an einer Studie, die sich mit der Situation von Roma in Deutschland und im Kosovo beschäftigt. Jetzt war Dr. Widmann der Einladung der Caritas-Flüchtlingsberaterin Marlies Imping nach Gronau gefolgt. Und brachte nicht nur sein Diktiergerät und viele Fragen mit, sondern auch ein Fünkchen Hoffnung - für Familie Tahiri aus Ahaus, der die Abschiebung in den Kosovo droht.

Grund für die Studie sei das Rückführungsabkommen, das Deutschland mit dem Kosovo im vergangenen Jahr geschlossen hat. Seither können bisher in Deutschland geduldete Flüchtlinge dorthin abgeschoben werden. „Das erfüllt Unicef mit erheblicher Sorge“, weiß Dr. Widmann. Die Studie solle klären, wie die Lage insbesondere von betroffenen Kindern und Jugendlichen in Deutschland und im Kosovo tatsächlich ist und inwieweit Unicef in Aktion treten kann.

Dafür interviewte der Wissenschaftler - wie auch Teams im Kosovo - bereits zahlreiche Gesprächspartner in Deutschland, Betroffene ebenso wie Sozialarbeiter und Ausländerbehörden. Und nun in Gronau die Familie Tahiri.

Ihr Fall ist für die Caritas-Flüchtlingsberaterinnen Marlies Imping und Maria Revers ein weiteres Beispiel für das strikte Durchgreifen des Kreises Borken als Ausländerbehörde: Seit 18 Jahren lebt die Familie in Deutschland. Vater Vedat Tahiri kam 1992 mit 22 Jahren als Kriegsflüchtling nach Deutschland, da war sein ältester Sohn wenige Monate alt. Seither leben er und seine Ehefrau Serij in Ahaus, haben dort drei weitere Kinder bekommen, ein Leben aufgebaut. Nahezu durchgehend, betont der Familienvater, habe er gearbeitet, wollte nie von Sozialhilfe leben. Tatsächlich hat er in den letzten zehn Jahren nur wenige Monate Sozialhilfe bezogen - und nur, weil sein ehemaliger Arbeitgeber, bei dem er sechs Jahre beschäftigt war, Insolvenz anmelden musste. Seit 2008 arbeitet Vedat Tahiri als Pulverbeschichter in Ottenstein.

Integriert seien auch die Kinder, betonen Dorothee Overkamp, Leiterin der Ahauser Don-Bosco-Schule, und Schul-Sozialarbeiter Ozan Kubat. Und die Mutter habe sogar einen Sprachkursus an der Schule absolviert.

Dennoch droht der bisher lediglich geduldeten Familie nun die Abschiebung: Ihr Antrag auf ein Bleiberecht ist abgelehnt worden, ebenso Anfang Februar der Härtefallantrag. Vedat Tahiri führt das auf zwei Fehler zurück, die er vor Jahren gemacht hat: Als Asylbewerber kaufte er einst in Enschede ein und verstieß damit gegen die Residenzpflicht. Und 1996 war er wegen eines Betrugs zu 120 Tagessätzen verurteilt worden - unschädlich für das Bleiberecht sind lediglich 50.

Dass aber mit ihm seine gesamte Familie zurück ins Kosovo soll, kann er nicht verstehen: Er habe ja bereits für die Fehler bezahlt und sei bereit, die Konsequenzen für sich zu akzeptieren, sagt der Familienvater. Aber warum seine Kinder? „Sie sind hier geboren, sie gehören in dieses Land.“ Schlimm finden auch die Flüchtlingsberater und Unterstützer der Familie diese Praxis. Von „Sippenhaft“ und „Deportation“ ist die Rede.

Dr. Peter Widmann hat in seinen bisherigen Gesprächen festgestellt, dass sich der Kriminalitätsvorwurf oftmals auf Delikte wie einen Verstoß gegen die Residenzpflicht oder Fahren ohne Fahrerlaubnis stütze. Und viele seiner jugendlichen Gesprächspartner seien hierzulande aufgewachsen, integriert. „Die könnten sie genauso gut in ein fremdes Land wie Südafrika bringen. Das ist dann ja keine Re-Patriierung.“

Schulsozialarbeiter Ozan Kubat jedenfalls kann sich nicht vorstellen, dass die Kinder der Familie Tahiri im Kosovo, das sie gar nicht kennen und kaum die Sprache beherrschten, zurechtkommen würden. „Was ist das für ein Land, in dem man Menschen 15, 20 Jahre nur mit einer Duldung leben lässt und sie dann abschiebt?“, fragt sich Marlies Imping. „Und gleichzeitig wird immer von Integration gesprochen.“

Die Familie rechnet mit Diskriminierung und Armut im Kosovo. Ihre Hoffnung stützt sie nun auf einen Petitionsantrag, den sie und ihre Unterstützer an den Landrat schicken wollen - gemeinsam mit einem meterlangen Kettenbrief, in dem sich Mitschüler für die Familie einsetzen. Und Hoffnung gibt ihnen auch die Studie für Unicef, die im Mai vorliegen soll. Ob die Familie dann aber noch in Deutschland lebt, oder - wie andere aus ihrem Bekanntenkreis - abgeschoben wurde, weiß sie nicht . . .

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