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Lenz-Thema

Fashion Week für eine Nacht

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Alicia Keys hat es nicht leicht. Während sie durch die Radiolautsprecher beschwört, dass „No One“ sie an ihrer Liebe zu einem Typen hindern könne, zischt das Dampfbügeleisen. Die Nähmaschinen rattern. Bis auf die von Julia. Die macht komische Geräusche.

Ein Tropfen Öl hilft. Kein Grund für Nervosität. Schließlich ist Montag. Noch fünf Tage bis zum großen Tag. Der ist heute. Heute Abend präsentieren Julia Riedel (22) und ihre Kommilitonen der münsterischen Schule für Modemacher in der Halle Münsterland ihre Kreationen dieses Semesters. Ihre Show „Students On Catwalk“ ist der Höhepunkt des Schuljahres.

Noch vor wenigen Tagen haben sie in den Ateliers im Handwerksammer-Bildungszentrum Pailetten aufgenäht, Nahtzugaben zurechtgeschnitten und fertige Stücke aufgebügelt. Und - natürlich - sich auf die große Show vorbereitet. Mit Lauftrainings auf Sieben- bis Zehn-Zentimeter-Absätzen. Und mit Make-up-Sessions. Denn alles ist handgemacht, wenn die vier Klassen heute ihre Kreationen zum Teil sogar selbst präsentieren.

„Ich nehme mir vor, nicht so aufgeregt zu sein wie im letzten Jahr“, sagt Studentin Doris Bode und schiebt den schwarzen Stoff unter der Nähmaschinennadel her. Fast fertig ist das Kleid mit Nieten, Spitze und Perlen, das ein Teil der Trendshow ist, die die Schüler des dritten Semesters zeigen. „Sparkling Glamstar“ heißt ihre Variante des weiblichen Bikerlooks. Vier weitere Trendthemen haben sie mit eigenen Kreationen umgesetzt, die gerade ihren letzten Schliff bekommen. Durchaus auch nach der Unterrichtszeit und bis in die Abende hinein. Schließlich präsentieren sie ihre Werke vor bis zu 1500 Menschen und die Show soll makellos sein.

„Die Präsentation ist ein Abschluss, bei dem es noch einmal richtig knallt.“

Unterdessen entsteht bei den Absolventen, den Siebtsemestern, echte Modenschau-Stimmung: Sie haben ihre Prüfungen hinter sich, zeigen heute Abend ihre kompletten Abschlusskollektionen - und werden backstage eigene Teams aus Models und Make-up-Experten haben, die ihre Entwürfe in Szene setzen. „Ich freue mich drauf“, sagt Marie Büser (25). „Die Präsentation ist ein Abschluss, bei dem es noch einmal richtig knallt.“ Keine Note, kein Job hänge mehr davon ab, ergänzt Absolventin Nadine Kimmich (23), so dass sie befreit Freunden und Familie ihr Werk zeigen könnten.

So ganz befreit vom Druck sind die jüngeren Semester nicht. Vielleicht ist ja im Publikum ein Talentscout. Und wie werden die Mode-Profis über ihre Kollektionen urteilen? Gar nicht so einfach, bei all diesen Gedanken auf dem Laufsteg auch noch an das Dauerlächeln und die nach hinten gestreckten Schultern zu denken, während man auf ungewohnt hohen Absätzen über den Catwalk läuft.

„Es steckt natürlich an, wenn jemand Angst hat“, sagt Frederike Schulte (22) und erinnert sich an die weichen Knie, die sie kurz vor ihrer ersten Show im vergangenen Jahr hatte. „Aber schließlich soll es uns auch Spaß machen.“

Und was wird aus den Kreationen? Meistens brauchen die Schülerinnen von Jacke, Hose oder Bluse, an der sie wochenlang geschneidert haben, Abstand. „Wenn wir etwas fertig haben, können wir es meistens nicht mehr sehen“, gesteht Doris Bode mit einem Augenzwinkern. Der Applaus und das Lob für eine Kollektion dagegen halten viel länger.

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