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Felix Genn verlässt das Ruhrbistum in schwieriger Zeit

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Essen/Münster - Wenn Ruhrbischof Felix Genn diesen Freitag mit einem Festgottesdienst Abschied nimmt und nach Münster geht, wird den Gläubigen im Essener Dom sicher nicht nach Jubelgesängen zumute sein: Der 59-Jährige verlässt das Bistum mitten in der tiefsten Umbauphase seiner jungen Geschichte und angesichts einer Wirtschaftskrise, die dramatische Auswirkungen nicht nur bei den Kirchensteuereinnahmen erwarten lässt. „Vor allem 2010 wird sehr schwierig“, prognostizieren Finanzfachleute im Bistum.

Seit dem Essener Bistumsgründer Kardinal Hengsbach mit seinem Bischofsring aus Steinkohle wirken Ruhrbischöfe traditionell besonders stark im Alltag, auch im Arbeitsalltag der Gläubigen. Ausgerechnet jetzt, wo die Arbeitsplätze bei Opel in Bochum und anderswo in der Region wackeln, fehlt eine wichtige Stimme an der Spitze der katholischen Kirche. Ein ganzes Jahr oder länger kann die Zeit ohne Bischof, die „Sedisvakanz“, in Essen dauern. Viele der gut 900 000 Ruhr-Katholiken erfüllt das mit Sorge. „Hoffentlich benennt der Papst schneller einen Nachfolger“, sagt ein Priester an der Ruhr.

Als erfolgreicher Sparbischof von Essen war der ehemalige Trierer Weihbischof und Bauernsohn aus der Osteifel seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2003 bekanntgeworden. Damit hatte Genn sich wohl auch in Rom für höhere Aufgabe empfohlen. 259 Gemeinden an der Ruhr zu 43 Großpfarreien zusammenzuschließen, Stellen abzubauen und knapp hundert von 350 Kirchen ganz dicht zu machen - so lautete Genns Aufgabe. Unter dem Druck der im Ruhrgebiet besonders rapide schrumpfenden Katholikenzahlen war es das wohl umfassendste Sparprogramm in einem deutschen Bistum.

Für den eher sensiblen und spirituell veranlagten Genn bedeutete das entwurzelte Gläubige, die wütend um ihren Kirchturm kämpften, und frustrierte Geistliche, die sich nach Jahrzehnten als unangefochtenes Gemeindeoberhaupt wieder in der Hierarchie einreihen mussten. „Es gab Widerstand, der war brutal“, erinnert sich ein Weggefährte. Von „Trauer und Verlustgefühlen“ spricht sogar die offizielle Kirchengeschichte zum 50-jährigen Bestehen des Bistums.

Organisatorisch ist der Wandel inzwischen umgesetzt, die neuen Mammut-Pfarreien mit vier oder fünf oft Kilometer auseinanderliegenden Gemeinden haben aber innerlich vielfach noch nicht zueinander gefunden. „Im Grunde verlasse ich eine Baustelle“ sagte Genn kurz vor Weihnachten in einer eilends zusammengerufenen Pressekonferenz nach Bekanntwerden seines Wechsels, bei der ihm sekundenlang die Sprache wegblieb und er mit den Tränen kämpfte.

Mit solchen Extremerfahrungen muss Genn in seinem neuen Wirkungskreis zunächst wohl nicht rechnen. Münster ist mit mehr als zwei Millionen Gläubigen die drittgrößte der 27 deutschen Diözesen und über 1200 Jahre alt. In der langen Zeit hat die Kirche dort Eigentum gebildet und ist nicht wie das erst 1958 gegründete Ruhrbistum vollständig von den schrumpfenden Kirchensteuereinnahmen abhängig. Geringer Messbesuch und hohe Austrittszahlen dürften den neuen Oberhirten im „frommen Westfalen“ weniger als an der Ruhr bedrücken.

Dafür wird man ihm von Anfang an sehr genau auf die Finger gucken, ob er auch im Münsterland den Rotstift herausholt, prognostizieren Essener Mitarbeiter. Deshalb sendet der künftige Bischof von Münster schon einmal beruhigende Signale: „In Münster mache ich es wie ein guter Pastor - der schaut erst mal ein Jahr aus dem Fenster und geht zu den Menschen“, sagte er der „Neue Ruhr/Neue Rheinzeitung“.

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