1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Finale furioso in den Tiefen des Rathauses

  6. >

Sommerkrimi

Finale furioso in den Tiefen des Rathauses

Martin Borck

Frühling und Blösing nehmen die Aussage von Tanz auf. „Wie schreibt man eigentlich Ziborium? Mit H oder ohne?“, fragt Blösing. „Schreib doch einfach Hostienbehältnis“, rät ihm Frühling. „Da weiß ich sicher, dass es mit H geschrieben wird.“ Das Telefon klingelt. „Hier Martin Burg. Ich bin im Rathaus. Sandra Kishon ist auch hier! Lasst das Gebäude umstellen!“ Wie von der Tarantel gestochen springt Frühling auf und gibt Alarm. Mit Blösing im Schlepptau rast er aus dem Raum. Tanz, der reuige Sünder, bleibt alleine im Vernehmungszimmer zurück. „Na gut“, denkt er. „Wenn keiner Zeit für mich hat, muss ich mich wohl selbst um mich kümmern.“ Er geht zur Tür, verschließt die Tür von innen und schiebt den Schlüssel durch den Spalt nach draußen. „Damit ich nicht auf dumme Gedanken komme.“ Und er setzt sich auf seinen Stuhl und beschließt, ein Nickerchen zu machen.

Blösing und Frühling stoßen vorm Haupteingang des Rathauses auf Reporter Burg und dessen Kollegen Markus Kampfhahn. „Was ist passiert? Woher weißt du, dass Kishon hier ist?“, fragen die Kommissare. „Ich hatte so ein Gefühl, dass sie sich im Rathaus versteckt halten könnte. Schließlich kennt sie sich da aus. Und ich hatte recht. Ich habe sie aufgespürt - aber sie hat mir mit irgendwas auf den Kopf gehauen. Nur gut, das ich meinen Fahrradhelm noch auf hatte - sonst hätte ich jetzt ein Loch im Kopp.“ - „Und dann?“ - „Dann ist sie leider abgehauen. Der Schlag hatte mich ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, deshalb konnte ich nicht so schnell hinterher, und ich habe sie verloren. Aber sie muss noch irgendwo im Gebäude sein.“ - „Klasse gemacht“, lobt Frühling anerkennend, sodass Blösing schon ganz eifersüchtig guckt. „Wir brauchen einen Plan vom Gebäude. Wo ist denn der Hausmeister?“ - Da kommt Karl Katschinski auch schon um die Ecke gewatschelt. „Gebäudeplan? Hab ich nicht“, bescheidet er. „Da müssen wir jemanden vom Planungsamt fragen. Ich ruf mal an.“ - Katschinski erreicht Jo Krapschik zu Hause. Minuten vergehen, bis er endlich das Rathaus erreicht und unter Polizeischutz in sein Büro geleitet wird, wo er die Pläne des Rathauses herauskramt und kopiert. Frühling breitet sie im Foyer des Rathauses aus. „Also, du warst wo, Martin?“ Der Reporter zeigt ihm die Stelle, wo er Kishon gesehen hat. Inzwischen ist eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei aus Gelsenkirchen angerauscht. Frühling erteilt wie ein General seine Order. Die Durchsuchungsaktion beginnt. „In spätestens zehn Minuten haben wir sie“, ist sich Frühling sicher. Doch es werden zwölf Minuten, bis zwei mit Schusswesten ausgerüstete Beamte des Sondereinsatzkommandos eine sich heftig wehrende Sandra Kishon bei den Kommissaren abliefern. Trotz Haltegriffs gelingt es ihr, einen Arm frei zu bekommen, den im Foyer ausgestellten Partnerschaftsteller aus Bromsgrove zu greifen und einem der Beamten auf den Kopf zu delmern. Der Teller zerbricht am Schutzhelm. „Gute Sache, so ein Helm, nicht?“, meint Burg, der mit Kampfhahn diese Szene auf Foto und Video festhält. „Hast recht, Martin“, meint Kampfhahn. „Ich werde mir auch einen zulegen.“

Kishon hat sich inzwischen so weit beruhigt, dass sie auf die Wache gebracht und dort vernommen werden kann. Tanz wird derweil in einen anderen Raum gesteckt, wo er seine Aussage selbst in den Computer tippt.

„Frau Kishon, dass Sie Hirte getötet haben, steht fest. Die Beweise gegen Sie sind wasserdicht. Aber warum haben Sie das getan?“ Kishon braust auf: „Das fragen Sie noch? Der Kerl hat mich und meine Kollegen zur Weißglut gebracht. Jeden Tag kam er mit neuen Anzeigen, mit neuen Fotos. Wir kamen ja gar nicht mehr dagegen an. Und dann wollte er von jedem Fall wissen, wie er ausgegangen ist, welche Strafe der Falschparker aufgebrummt bekommen hat. Aber das zog sich hin, weil so viele Leute Widerspruch einlegten. Daraufhin hat Hirte uns vorgeworfen, wir würden zu langsam arbeiten.“ - „Gut, aber das mussten Ihre Kollegen sich auch anhören. Die haben aber nicht auf Hirte geschossen.“ -

„Das ist richtig. Aber dann hat er mich eine inkompetente Kuh genannt, die zu dämlich ist, sich gegen Verkehrsrowdys durchzusetzen. Da war das Maß voll.“ - „Wie sind Sie denn an die Waffe gekommen?“, will Blösing wissen. „Die hab ich mal bei einer Razzia in der Bahnhofstraße beschlagnahmt. Aber ich hatte natürlich nie vor, sie zu benutzen. Bis dieser bekloppte Mensch mich zum Wahnsinn getrieben hat.“ Wie zur Bestätigung ihrer Aussage kreischt sie wütend auf. - „Und wo haben Sie die Pistole nach den Schüssen auf Hirte gelassen?“ - „In einen Abfalleimer am Wendehammer geworfen. Zusammen mit der Kamera von Hirte. Ich dachte, wenn man mich damit sieht, bin ich geliefert. Und als ich die Sachen in der Nacht aus dem Abfallbehälter wieder herausholen wollte, um sie endgültig verschwinden zu lassen, waren sie weg.“ - „Ja, die hatte Ronnie gefunden. Der arme Kerl sucht ja immer wieder den Abfall durch auf der Suche nach was Nahrhaftem.“ - „Ach so, der war es also. Hätte ich auch selbst drauf kommen können.“ Kishon bricht in Tränen aus: „Es tut mir so schrecklich leid, was ich getan habe. Ich hätte das nie machen dürfen.“ - „Tja, diese Einsicht kommt wohl ein wenig spät. Hilft alles nix, wir müssen Sie dem Haftrichter vorführen. Und dann müssen wir uns auf die Suche nach der Waffe machen. Die hat Ronnie bestimmt auch mitgenommen. Nicht, dass irgendwelche Kinder die noch finden und damit rumspielen . . .“

Frühling beordert die Sondereinheit in Richtung Buterland, wo sie die Waffe finden soll. Tanz wird aus dem Vernehmungszimmer geholt und in eine Arrestzelle gesteckt. In der daneben hockt Sandra Kishon. Als sie nach einem Taschentuch sucht, ertasten ihre Finger ein Stück Papier. Sie holt es hervor und glättet es. Es ist eine Zahlungserinnerung für ein nichtbezahltes Knöllchen: für Parken im absoluten Halteverbot . . .

Startseite