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Pakistan ein Jahr nach der Naturkatastrophe

Flutopfer bauen ihr neues Zuhause - indirekter Kampf gegen Terrorismus

Axel Roll

Karachi - Es hörte nicht mehr auf zu regnen. Wochenlang. So setzte eine Flutwelle von bislang unbekanntem Ausmaß weite Teile von Pakistan unter Wasser.

Abdul Majeed hat das Wasser schon oft kommen sehen. Dieses Mal musste er aber rennen. Um sein Leben. Er konnte es retten. Verloren hat er aber so ziemlich alles, was er dafür braucht: Seine fünf Ziegen, die Kuh, den Büffel. Und nicht nur seine Ernte, sondern auch den Boden.

Der ist jetzt so versalzen, dass kaum noch etwas wachsen will. Abdul Majeed hat trotzdem neuen Mut gefasst. Nur noch wenige Wochen, dann kann er mit seiner Familie endlich ein neues Haus beziehen. „Ein richtig gutes Haus“, wie auch der Regierungsvertreter für das Gebiet, Rao Atif Raza, findet. Der Bauer wird zum ersten Mal in seinem Leben mit seiner großen Familie in einer Behausung aus massivem Stein wohnen. Und darum hat er keine Angst, es genau an der Stelle zu errichten, an der die Flut vor fast einem Jahr sein Heim davonspülte.

Das kleine Nest in der pakistanischen Provinz Sindh heißt Kethjaghra und hat keine 70 Einwohner. Das westliche Ufer des Indus ist nicht weit. Geschäfte, Schule, Krankenhaus? Fehlanzeige. Ein paar verstreute Hütten, ein kleiner Fluss, an dem die Frauen spülen und waschen. Über dieser Trostlosigkeit brennt die Sonne mit über 30 Grad Hitze. Die Millionen-Metropole Karachi ist 150 Kilometer entfernt.

Abdul Majeed ist der Dorfälteste. Darum ist es für ihn eine Frage der Ehre, seine Familie als letzte mit dem Hausbau beginnen zu lassen. Das Haus wird zwar mithilfe von Spendengeldern errichtet - in diesem Ort hat der Steinfurter Textilunternehmer Wolfgang Gözze mit einer Summe von 50 000 Euro den Neuanfang finanziert. Anpacken müssen die Flutopfer selbst. Das ist Teil des Konzepts, ausgeklügelt vom „Karachi Relief Trust“, der für den Wiederaufbau in dieser Einöde verantwortlich zeichnet.

„Die Familien müssen sich zusammenschließen und Gemeinschaften für den Hausbau bilden“, erläutert Fahad Asadullah, der als Ehrenamtlicher die Arbeiten überwacht. Die Männer werden während der Bauzeit vom Trust bezahlt, damit sie ihre Familien ernähren können. So sollen 5000 Behausungen entstehen. 500 sind fertig. Für 2500 ist die Finanzierung gesichert.

So einfach die Steinunterkünfte auch sind - eine überdachte Kochstelle als Küche und ein großer Raum für die ganze Familie, Stromanschluss im Haus, Brunnen draußen vor der Tür. Das alles zum Preis von nicht einmal 2000 Euro. Für die Menschen stellen solche Behausungen einen nie gekannten Luxus dar. Die Verantwortlichen des „Karachi Relief Trust“ wollen den Flutopfern aber nicht nur ein gutes und vor allen Dingen sicheres Dach über dem Kopf geben.

„Medizin und Bildung sind für uns zwei ganz wichtige Themen“, erzählt Khayam Husain vom Führungsteam der ausschließlich ehrenamtlich organisierten Hilfsorganisation. Nach wie vor können die Hälfte aller Pakistani weder lesen noch schreiben. Ist die gesundheitliche Versorgung für die Ärmsten der Armen in den Städten schon eine Katastrophe - draußen auf dem Land ist sie gar nicht vorhanden.

Die Helfer des Trusts sind davon überzeugt, dass mit Bildung und Wohlstand dem Terrorismus der Nährboden entzogen wird. Khayam Husain und seine Mitstreiter berichten von vielen Fällen, in denen die Extremisten bei den meist kinderreichen Familien vor der Tür stehen, mit dicken Geldscheinbündeln winken und den Eltern mit dem Versprechen ihre Kinder abkaufen, sie vernünftig zu erziehen und gut für sie zu sorgen. Khayam Husain: „Diese Kinder sind die Selbstmordattentäter von morgen.“

Für den Dorfältesten Abdul Majeed sind Schulen und Krankenhäuser Zukunftsmusik aus fernen Galaxien. Wenn er weiter denkt als an sein Haus aus Stein, dann an die erste Ziege.

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