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Folge 10: Heiße Spur im weißen Pulver

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Hauptkommissarin Sabrina Sauer dachte nach – und das intensiv. Automeister war getötet worden – durch eine Methode, die sich keine rachsüchtige Geliebte und kein wütender Konkurrent so ohne weiteres ausdenken würde. Ihr fiel die Aussage von Bianca, der Lebensgefährtin des Toten, wieder ein. Weißes Pulver im Gelben Hund. Rauschgift, das die jungen Leute in Plastiktüten mitgebracht hatten und das Tanky unter der Theke deponieren musste. Wehren konnte er sich anscheinend nicht dagegen, sie hatten ihn irgendwie in der Hand.

„Wir müssen den Gelben Hund mal umkrempeln, von oben nach unten. Irgendetwas ist da oberfaul“, versuchte die Kommissarin ihre Gedanken zu ordnen. „Ein toter Wirt und dieses ganze Drumherum. Wir müssen versuchen, hier mal reinen Tisch zu machen. Noch heute werde ich eine groß angelegte Hausdurchsuchung beim zuständigen Richter beantragen. Dann werden wir weiter sehen.“

Die Hausdurchsuchung ging am nächsten Tag gegen Mittag über die Bühne – überraschend für Bianca Lehmann, die versuchte, nach dem gewaltsamen Tod ihres Lebensgefährten Christian den Gelben Hund über Wasser zu halten – und die wenigen Gäste, die durch ihre Anwesenheit zumindest finanziell dazu beitrugen. „Was wollen Sie denn hier?“ brach Bianca einmal mehr in Tränen aus. „Haben wir nicht schon genug zu ertragen. Jetzt wollen Sie uns auch noch das Haus auf den Kopf stellen.“

Die Kommissarin und die Polizeibeamten, die sich hinter ihr aufgebaut hatten, blieben ungerührt. „Wir kommen nicht, um Sie persönlich zur Rechenschaft zu ziehen, sondern wir müssen sehen, ob wir nicht wichtiges Beweismaterial oder aufschlussreiche Hinweise sichern können.“ Die Kommissarin drehte sich um: „An die Arbeit“. Das machte Eindruck auf die Gäste, die wie abgesprochen, zum Portemonnaie griffen, um zu zahlen und den Rückzug aus der Kneipe anzutreten. Die neue „Wirtin“ und die Polizei waren jetzt unter sich.

Bianca hatte resigniert und räumte das Feld, die Polizei begann mit der Arbeit. Zunächst wurde der Gastraum unter die Lupe genommen. „Hier in dieser versteckten Nische unter dem Tresen hatte Christian wohl den Stoff versteckt“, sagte Bianca zur Kommissarin im Vorbeigehen, als sie den Gastraum verließ. Sabrina Sauer schaute genauer hin und entdeckte tatsächlich eine feine Schicht weißen Staubes, die sich auf dem Boden abgelagert hatte. Ein Polizeibeamter holte eine kleine Plastiktüte aus seinem Koffer, nahm einen Pinsel zur Hand und strich die Relikte des Drogenhandels in die Tüte. Die Kommissarin kommentierte: „Zur Sicherheit, wollen doch mal sehen, was das ist, weiche oder harte Drogen. Wenn das hier Heroin oder Kokain ist, dann war der Automeister aber schon ziemlich tief drin.“

Die weitere Suche gestaltete sich als ziemlich mühselig. Bis auf den weißen Staub bisher nichts. Doch die Polizei ist so etwas gewohnt, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, übt sich in Geduld, bleibt hartnäckig. Der Tresen selbst gab bis auf den Stoff nichts weiter her. Wo sollte man auch hier etwas verstecken, außer in der verborgenen Nische? An der Wand hing der Schrank mit den Gläsern, die akkurat nebeneinander aufgereiht und nach Größe geordnet waren.

Die Kommissarin, klein und zierlich, zog einen Hocker herbei, stellte ihn unter den Schrank, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. „Verflixt noch mal, hier muss doch was zu finden sein,“ fluchte sie leise vor sich hin. Mit der rechten Hand tastete sie über die hölzernen Einlegeböden – alles glatt, nichts zu finden. Sabrina Sauer streckte sich, um auch das oberste Fach zu erreichen. Penibel fühlte sie den Boden ab, ob irgendetwas vorstand, was da nicht hingehören könnte.

Fast schon gab sie auf, arbeitete sich aber nochmals bis in die rechte hintere Ecke vor und streifte dabei den Boden eines großen Bierglases. Sie fühlte ein Stück Papier, hob das Glas mit der anderen Hand an und zog es vorsichtig hervor. Das Stück Papier war zweimal gefaltet. Vorsichtig strich die Kommissarin das Papier glatt. Darauf stand – und es war zweifelsfrei Automeisters Schrift, wie die schnell herbei gerufene Bianca bestätigte: „Mike, Jens, Andreas, Peter, sie sind es. Wenn mir mal etwas passieren sollte, dann ist das ein Hinweis, dem man nachgehen kann.“

„Warum hat er das so vorsichtig formuliert?“ fragte sich die Kommissarin. „Hätte uns doch gleich reinen Wein einschenken können, dass diese Namen mit den Drogengeschäften unter der Theke im Zusammenhang stehen,“ sinnierte die Kommissarin und ließ den Fund ebenfalls in einem Plastikbeutel und dann in der Tasche verschwinden. „Automeister muss ganz schön unter Druck gestanden haben, wenn er uns schon so etwas hinterlässt. Die vier Früchtchen werden wir uns mal vornehmen, auch wenn wir nur die Vornamen haben, werden wir schnell heraus bekommen, wo sie zu suchen sind,“ zeigte sich die Kommissarin jetzt forsch.

Plötzlich rief ein Polizeibeamter aus der Diele der Kneipe: „Frau Kommissarin, hören Sie sich das mal an. Wir sind hier auf den Anrufbeantworter gestoßen. Hier hat jemand angerufen und dem Wirt gedroht.“ Wortlaut: „Wenn Sie Ihre dunklen Geschäften nicht sofort stoppen, dann machen Sie sich auf einiges gefasst.“

Die Kommissarin zeigte sich verblüfft: „In der Haut von Automeister möchte ich nicht gesteckt haben. Die vier Typen zwingen ihn zu den Geschäften, und dieser Anrufer bedroht ihn deswegen. Die Sache wird immer komplizierter. Sehen wir erst einmal, ob wir die vier Vornamen den Hausnamen zuordnen können. Bianca kann uns dabei sicherlich auf die Sprünge helfen.“

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