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Franz Müntefering und „das schönste Amt außer Papst“

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Berlin – „Wahlkampf machen – das können wir“ ist einer der vielen knappen und prägnanten Lieblingssätze von Franz Müntefering. Oder auch: „Politik muss organisiert werden.“ Unerwartet schnell betritt der 68-jährige Sozialdemokrat wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau Ankepetra in herausgehobener Position wieder die aktive politische Bühne.

Auf „das schönste Amt außer Papst“ soll der Sauerländer jetzt zurückkehren, jenes Amt, das er vor noch nicht langer Zeit selbst im Streit Knall auf Fall geräumt hatte. Auch dies ist ein Novum in der jüngsten turbulenten SPD-Historie, dass ein früherer Amtsinhaber sein eigener Nachfolger an der Parteispitze wird.

Tugenden wie Disziplin und absolute Geschlossenheit gehörten immer schon zu Münteferings Credo – gleich in welcher Funktion er in den über 40 Jahren SPD-Mitgliedschaft seiner Partei diente: Ob zunächst als Vorsitzender des SPD-mitgliederstärksten Bezirkes Westliches Westfalen, später als SPD-Landeschef von Nordrhein-Westfalen oder als Bundesvorsitzender in den turbulenten Monaten bis zur vorgezogenen Neuwahl und Bildung der großen Koalition im Herbst 2005, in der er dann den Posten des Vizekanzlers und Arbeitsministers übernahm. „Ausschließlich aus familiären Gründen“ hatte sich Müntefering Mitte November vergangenen Jahres von allen Ämtern zurückgezogen, um seine schwer krebskranke Frau zu pflegen und ihr auf ihrem letzten Weg beizustehen. Ende Juli starb sie.

Dass sich „Münte“ völlig aus der Politik zurückzieht, das wollte in der SPD so recht niemand glauben. Der SPD-Spitzenmann war in seiner langen politischen Laufbahn stets für Überraschungen gut. Nicht immer stieß er dabei auf ungeteilte Zustimmung in der Partei. Als SPD-Fraktionschef im Bundestag ging er zwischen 2002 und 2005 bisweilen recht heftig gegen parteiinterne Kritiker und Abweichler aus der eigenen Fraktion vor. Für Ex-Kanzler Gerhard Schröder war er dabei die wichtigste Stütze bei der Durchsetzung der parteiintern umstrittenen Agenda-Politik.

Nicht immer hatte Müntefering den politischen Erfolg auf seiner Seite. Weil er sich Ende Oktober 2005 als Parteivorsitzender im eigenen Vorstand mit seinem Personalvorschlag für den Generalsekretärsposten nicht durchsetzen konnte, kündigte er seinen Verzicht auf eine Wiederwahl an.

„Sprachgeschichte“ schrieb Müntefering sicherlich mit seiner Wortwahl „Heuschrecken“ für umstrittene Finanzinvestoren, die Unternehmen aus reinem Profitinteresse zerschlagen. Erst wurde Müntefering dafür heftig kritisiert, heute ist der Begriff in der Finanzwelt fest etabliert.

Der in Neheim-Hüsten geborene Arbeitersohn und gelernte Industriekaufmann war 1966 der SPD beigetreten – zu Zeiten der ersten großen Koalition in Bonn. Gern erzählt Müntefering, wie er in jenen Tagen als 26-jähriger an SPD-Fraktionschef Herbert Wehner bitterböse Protestbriefe wegen der Preisgabe sozialdemokratischer Positionen im ersten schwarz-roten Regierungsbündnis schrieb. „Der liebe Genosse Herbert“ habe sich darum aber nicht geschert.

Sein Verhältnis zu Kurt Beck war von Anfang an gespannt. Intern ließ Müntefering durchblicken, er traue dem Pfälzer den SPD-Vorsitz nicht zu. Vor dem Hamburger Parteitag im Dezember 2007 hatten sich beide einen wochenlangen quälenden Streit um die Verlängerung des Arbeitslosengeldes für Ältere geliefert. Beck konnte sich durchsetzen. Unter dem Jubel der Delegierten hatten beide dann wiederum ihre Aussöhnung demonstriert. „Es ist noch was da. Ich bin nicht ausgetrocknet“, rief Müntefering dabei seinen Genossen zu.

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