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Frau mit mächtigem Herz

Hans Gerhold

Wie in „Ein mutiger Weg“ Starqualitäten, emotional intensives und mit dokumentarischer Dichte gefilmtes Kino vereinbar sind, zeigen Superstar Angelina Jolie und Regisseur Michael Winterbottom in ihrem in Cannes uraufgeführten privaten und politischen Drama um die Suche einer Journalistin nach ihrem in Pakistan von einer Splittergruppe der Al-Kaida entführten Mann.

Anfang 2002 bricht der amerikanisch-jüdische Journalist Daniel Pearl, Chef des südasiatischen Büros des Wall Street Journal in Karachi, zu einem Treffen mit einem mysteriösen Interviewpartner auf. Seine Ankündigung, er werde vielleicht zu spät zum Essen zurückkommen, wird sich auf fatale Weise ändern. Pearl wird entführt und vor laufender Videokamera geköpft, Aufnahmen, die der Film dem Zuschauer erspart.

„A Mighty Heart“ (Originaltitel) entstand nach dem Bericht von Mariane Pearl und kreist um die Bemühungen von Pearls hochschwangeren Frau Mariane (Jolie), mit Hilfe der internationalen Presse und der Polizei ihren Mann ausfindig zu machen. Ihre Villa wird zur Zentrale eines weltweiten, im Endeffekt machtlosen Kommunikationskreises. Während Mariane noch an die Möglichkeit von Befreiung oder Austausch glaubt, ist Daniel schon tot.

Angelina Jolie beherrscht den Film. Mit dem Handy als verlängertem Körperteil und der Kraft einer außergewöhnlich starken Frau, die den Raum um sich beherrscht, muss sie die aufreibende Zeit durchstehen, bis der Tod ihres Gatten zur Gewissheit wird. Obwohl dieser Ausgang von Anfang an fest steht, ist der Film spannend bis zur letzten Minute, weil er das Suchen, Informationen finden, Rückschläge hinnehmen und Nichtaufgeben virtuos einfängt. Das geht auf das Konto des Stils von Michael Winterbottom (Goldener Bär 2002 für „In This World“), der das Geschehen mit atemloser Kamera begleitet und mit einer Direktheit erzählt, wie sie in Hollywood-Produktionen relativ selten ist. Winterbottoms Stil gleicht journalistischer Recherche und ist erfolgreich im Bemühen, das private Drama und die politischen Zusammenhänge zu koppeln. So entsteht intelligente Unterhaltung. Sehenswert.

P.S.: Seit dem Tod von Daniel Pearl haben über 230 Journalisten ihr Leben in Ausübung ihres Berufes verloren.

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