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Wie die Amerikaner Angela Merkel beurteilen

Freund und Partner

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Mein Nachbar, der Hausmakler Eddie, mag die deutsche Bundeskanzlerin. Zwar tut er sich mit der Erinnerung an ihren Namen schwer, aber eines weiß er: „Sie ist zuverlässig und berechenbar, und sie macht uns keinen großen Ärger.“ So wie Eddie dürften Millionen US-Bürger denken, glaubt Jackson Janes, Direktor des Instituts für zeitgenössische Deutschlandstudien an der Johns-Hopkins-Universität. Janes, ein exzellenter Kenner der transatlantischen Beziehungen, hält Angela Merkel nicht für einen gängigen Begriff in den traditionell wenig an Außenpolitik interessierten amerikanischen Haushalten. „Aber das hat sie mit den meisten Spitzenpolitikern in der Welt gemeinsam,“ so der Experte im Gespräch mit dieser Zeitung.

Ganz anders sieht es jedoch auf der politischen Ebene aus. Als Merkel im vergangenen November erstmals seit Konrad Adenauer vor beiden Kammern des Kongresses sprach, gab es stehende Ovationen der Volksvertreter. „Man betrachtet sie als wichtigste politische Führungsfigur in Europa, die sehr geschickt ist - auch wenn es darum geht, ihre eigene Macht zu erhalten,“ analysiert Stephen Szabo, Direktor der Transatlantik-Akademie in Washington. Allerdings gäbe es da das „Problem der Visionen“, so Szabo, und ihrer Effektivität. Denn unter Merkel, so empfindet es die politische Kaste in den USA, nutze Deutschland nicht das ganze Gewicht seiner außenpolitischen Einfluss-Möglichkeiten. Bei kritischen Themen wie dem Atomkonflikt mit dem Iran oder der Rolle Israels im Nahostkonflikt werde die Bundeskanzlerin als „vage“ empfunden, meint Jackson Janes, weil es ihr an präzisen Vorschlägen mangele.

„Sie wird als Freund und zuverlässiger Partner empfunden, aber man fragt sich, was sie zu Problemlösungen beitragen kann.“ Gleichzeitig sehen Beobachter wie Szabo den Trend, dass sich Deutschland unter Merkel „weniger europäisch“ verhalte und stattdessen den Ansatz eines Staates verfolge, der globale Angelegenheiten in Buchhalter-Manier betrachte.

Dennoch war Angela Merkel ein wichtiger Faktor dafür, dass - wie kürzlich eine Umfrage der deutschen Botschaft ergab - die US-Bürger heute ein besseres Deutschlandbild haben als in der Ära Schröder.

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