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Charitylauf nach Srebrenica

Friseurmeister Charly Weiper startet einen Charitylauf nach Srebrenica

Elmar Ries

Havixbeck - Der Mann läuft 1746 Kilometer in 53 Tagen - und sagt nicht etwa, er habe intensiv dafür trainiert, oder: Er sorge sich, vielleicht nicht ins Ziel zu kommen. Nein, Karl-Heinz „Charly“ Wei­per sagt lediglich, er habe sich zur Vorbereitung ein wenig „ent­schleu­nigt“.

Seit 15 Jahren läuft der Friseurmeister aus Havixbeck, jede Woche legt er so „60 bis 80 Kilometer“ zurück. Bislang 13 Mal ist er schon einen Marathon gelaufen. Sonntag aber startet der 55-Jährige den Lauf seines Lebens: Von Havixbeck nach Srebrenica - ein Charitylauf, bei dem er 80 000 Euro sammeln will.

Mit dem Geld soll in Bratunac, einer Stadt im nach wie vor unter den Folgen des Krieges leidenden Bosnien, ein Traumazentrum errichtet werden. Das ist das eine. Wichtig aber ist dem Havixbecker noch etwas anderes: „Ich möchte, dass diese Region mit ihrer schrecklichen Geschichte wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit gewinnt.“

1995 wurde der Bosnienkrieg beendet, in den 15 Jahren seither hat er sich mit jedem Jahr ein Stückchen weiter aus dem kollektiven Gedächtnis Europas entfernt. Nicht den Krieg, wohl aber dessen Folgen, die Not, das Elend, die Bedürftigkeit wieder mehr ins Bewusstsein rücken, das ist der Grund, warum Charly Weiper dieses Mal seine Turnschuhe anzieht und losläuft.

Der Zufall brachte den 55-Jährigen vor ein paar Jahren mit einem Verein zusammen, der schlicht „Un­terstützung Osteuropa“ heißt und vor allem auf dem Balkan der Bevölkerung dabei hilft, ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können. „Vor drei Jahren hat meine Tochter Janina einen Hilfskonvoi nach Bosni­en geleitet, durch sie bin ich mit dem Land und dem Verein in Berührung gekommen“, erklärt ihr Vater. Beide, Verein und Land, ließen ihn nicht mehr los.

Und dann war es ein eher lapidar dahergesagter Satz, der am Ende handfest wurde. Eigentlich müsste man die Strecke mal ablaufen, hatte der joggende Friseur bei einem Treffen mit Vertretern des Osteuropa-Vereins gedankenverloren ge­sagt. Beinahe zwei Jahre ist das jetzt her. Monate, in denen aus dem Satz eine Idee und aus der Idee ein Projekt wurde, das Weiper etwas pathetisch „run for their lives“ - „Lauf für ihr Leben“ genannt hat.

Das Prinzip seines Charitylaufes ist so wie bei allen anderen. Charly Weiper läuft täglich zwei 15-Kilometer-Etappen und lädt die Menschen vor Ort ein, ihn ein Stück des Weges zu begleiten. Wer mitläuft zahlt, Erwachsene zehn Euro, Jugendliche weniger. In Deutschland haben sich Vereine angemeldet, Schulklassen, Lauftreffs. Er findet die Unterstützung so vieler Menschen, dass er keinen Zweifel daran hat, die angestrebte Summe zu­sammenzubekommen.

Erfolg macht neidisch, Engagement ruft Kritiker auf den Plan. Das hat auch Weiper in den erfahren. „Klar, da gab es den ein oder anderen, der mir vorgeworfen hat, ich spielte mich in den Vordergrund, oder ich hätte das Projekt nur gestartet, um indirekt für mein Geschäft zu werben“, sagt er. Solcherart Kritik verletzt ihn, weil sie nicht stimmt.

Am 18. Juli wird Karl-Heinz Weiper starten. Nachdem er sich mit einem Frühstück für alle von den Havixbeckern verabschiedet hat. Mitte September will er wieder Zuhause sein mit 1746 zusätzlichen Kilometern in den Knochen und um viele Erfahrungen reicher.

Und was kommt danach? „Ach“, sagt er da fast bescheiden. „Dann freue ich mich, endlich wieder in meinem Geschäft stehen zu können.“ Dafür hatte er in den letzten Wochen vorm Start nämlich keine Zeit mehr.

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