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Forschen & Heilen

Früh, früher, Frühchen

Annegret Schwegmann

Über die Geburt ihrer Zwillinge möchte Nicole Damwerth lieber nicht viel erzählen. Sie war gefährlich, und dass sie und ihre beiden Mädchen den Eingriff überlebt haben, verdanken sie dem raschen Handeln und der Kunst der Ärzte. „Sie müssen mit einer schwierigen Geburt rechnen“, hatte sie ihr Gynäkologe gleich zu Beginn der Schwangerschaft gewarnt. Ein vierter Kaiserschnitt ist immer riskant.

Am Ende der 29. Schwangerschaftswoche geschah das, was befürchtet worden war: Die Gebärmutter riss. Die Zeit reichte nicht aus, um die Lungenreife der Kinder mit zwei Injektionen voranzutreiben, die 48 Stunden brauchen, um vollständig zu wirken.

Drei Wochen später streichelt die 39-Jährige die fein durchbluteten Hände ihrer Tochter Maria im Inkubator. Im geschlossenen Glasbettchen daneben schläft Elsa, die Augenlider so fest geschlossen, als erfordere keine Aufgabe im Leben mehr Kraft und Konzentration als dieser tiefe, feste Schlaf auf der Station für Neu- und Frühgeborene in den Universitätskliniken Münster. 1195 und 1430 Gramm haben die beiden bei ihrer Geburt gewogen. Drei Wochen hat das Gewicht der beiden Schwestern bereits kräftig zugenommen. „Sie entwickeln sich prächtig“, sagt die Mutter. Jedes weitere Gramm lässt ihre Zuversicht wachsen.

Die Hautschichten sind angelegt - bis auf die Hornhaut. -Dr. Esther Rieger-Fackeldey

Frühgeborene haben heute im Vergleich zum Stand der Medizin vor zehn Jahren gute Chancen, so schonend behandelt und beatmet zu werden, dass Behinderungen immer seltener werden. Die 24. Schwangerschaftswoche gilt mittlerweile als relativ sicheres Tor zum Leben. „Die Organsysteme sind voll angelegt“, erklärt Privatdozentin Dr. Esther Rieger-Fackeldey, die sich als Neonatologin auf die Behandlung frühgeborener Kinder spezialisiert hat.

Ein Kind wiegt in dieser 24. Lebenswoche zwischen 500 und 800 Gramm und ist entsprechend klein und zierlich. Die Haut wirkt oft faltig, weil den Babys das Unterhautfettgewebe fehlt, das erst in den letzten Schwangerschaftswochen reift. „Die Hautschichten sind angelegt - bis auf die Hornhaut“, erklärt die Ärztin. Die Kinder verlieren deshalb viel Flüssigkeit über die noch unreife Haut und brauchen eine hohe Umgebungstemperatur und -feuchtigkeit. Auf ihr Herz können sie sich in der Regel schon verlassen.

Größere Probleme kann die Lunge bereiten. „Die letzte Ausbildung der Atemwege ist noch in der Entwicklung“, erklärt Rieger-Fackeldey. Sie selbst hat in den vergangenen Jahren an mehreren Forschungsprogrammen teilgenommen, die alle dem Ziel dienten, Wege zu finden, die Beatmung so schonend wie möglich zu machen. „Heute ist es möglich, die Lungenbeatmung kürzer und sanfter einzusetzen“, sagt sie. Bei einigen sehr „unreifen“ Frühchen ist zusätzlich eine Operation auf der Intensivstation nötig, um eine Kurzschlussverbindung zwischen der Lungen- und der Körperschlagader zu schließen, da sont die Lunge gefährdet werden könnte.

Auch Gehirnblutungen sind bei frühen Geburten zu befürchten. „Ein reifes Kind hat die Gefäße gar nicht mehr, aus denen Frühgeborene bluten können“, erklärt Rieger-Fackeldey. Diese Gefäße versorgen die Nervenzellen mit Nährstoffen, die vor dieser Zeit noch auf dem Weg zu ihrem endgültigen Standort sind. Üblicherweise bilden sie sich bis zur 35. oder 36. Schwangerschaftswoche zurück. Wenn ein Kind früher zur Welt kommt, sollten die Geburt und die Versorgung danach einschließlich Beatmung so schonend wie möglich verlaufen, um Blutungen zu vermeiden. „Ab der 32. Woche sinkt das Risiko von Hirnblutungen deutlich.“

Oft brauchen die Eltern ebenso große Aufmerksamkeit wie ihre Kinder. Sie sind verunsichert, weil sie sich fragen, ob ihre Babys später mit Behinderungen rechnen müssen. Viele von ihnen sind dankbar, dass ihnen Häuser wie das UKM eine gut durchstrukturierte Nachsorge anbieten. Bei jeder Untersuchung wird ein neuer Termin vereinbart. Im ersten Jahr alle drei Monate, später seltener.

Mit zwei Jahren werden die Untersuchungen zu den körperlichen Funktionen von psychologischen Tests begleitet. Das Team testet die manuellen und kognitiven Fähigkeiten des Kindes. Kann es einen Turm aus Bauklötzen bauen? Und: Hat es die Aufgabenstellung verstanden? Ab dem Kindergartenalter sind neben der Physiotherapie auch ergotherapeutische Angebote möglich, um die Geschicklichkeit der Kinder zu fördern. Für Rieger-Fackeldey ist es dabei ebenso wichtig, die Eltern zum Gespräch mit anderen Eltern zu ermuntern. Elterngruppen, in denen sich Familien mit Frühchen treffen, helfen oft, Verhaltensweisen und Entwicklungen zu verstehen. Sie mildern Ängste, rücken sie gerade.

Nicole Damwerth ist eine Frau, die als Mutter von vier größeren Kindern im Alter von 14 bis zwei Jahren erfahren ist. Sie lebt mit ihren Kindern und ihrem Mann, einem Kapitän auf der Fährlinie zwischen dem Festland und Langeoog, auf der Nordseeinsel. Aller Voraussicht nach können ihre Kinder ihr Zuhause Ende Mai kennenlernen.

Heute ist es möglich, die Beatmung der Lungen kürzer und sanfter einzusetzen. -Dr. Esther Rieger-Fackeldey

Dann wären sie zur Welt gekommen, wenn die Schwangerschaft ohne Komplikationen verlaufen wäre. Sie erzählt ihnen täglich von ihrem Zuhause, von den Stränden, den Nachbarn auf der Insel mit seinen 2000 Einwohnern. Und sie freut sich auf das neue Leben mit ihren Zwillingen und den vier Großen der Familie: „Das wird schön.“

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