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Politik Ausland

G8-Gipfel ist für Merkel nur eine Zwischenetappe

wn

Berlin – Die Vorbereitungsmechanismen funktionieren auch vor diesem G8-Treffen wie gewohnt. Gipfel-Routinier Bernd Pfaffenbach sitzt kurz vor Beginn des Treffens in Italien am kommenden Mittwoch stundenlang in Telefonkonferenzen. Wie jedes Jahr feilscht der 63-Jährige, der das Großereignis für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorbereitet, mit seinen Unterhändler-Kollegen Wort für Wort um die Formulierungen in den Abschlussdokumenten.

Wirtschaftskrise, Klimawandel, Bekämpfung des Hungers. Die Themen, die die Welt aktuell am meisten bewegen, stehen ganz oben auf der Tagesordnung.

Und doch wird der Gipfel von L'Aquila anders sein als seine Vorgänger. Zum ersten Mal werden die Staats- und Regierungschefs in ein Katastrophengebiet reisen. Der Schutt in den Städten und Dörfern in den Abruzzen ist nach dem Erdbeben vom April noch nicht weggeräumt.

Das passt haargenau zur Lage der Welt, wo überall die Wirtschaft krankt. Ein Treffen auf einer Trauminsel vor Sardinien – wie ursprünglich geplant – hätte die Politik-Elite daheim nur schwer erklären können. Auch die Kanzlerin war recht schnell mit dem neuen Tagungsort einverstanden, auch wenn in Deutschland etwa im Jahr 2002 niemand auf die Idee gekommen wäre, einen Gipfel im ElbehochwasserGebiet abzuhalten. Doch für ein bisschen verrückt halten Merkels Leute die Wahl des Ortes durch Italiens schillernden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nach wie vor.

Die Kanzlerin ist sogar bereit, Berlusconi einen Gefallen zu tun. Der angeschlagene Lebemann-Regierungschef will der Welt schließlich zeigen, wie hart das Erdbeben Italien getroffen habe. So wird Merkel am Mittwochmittag mit Berlusconi einen Abstecher in ein besonders zerstörtes Dorf machen. In Onna starben am 6. April 45 der 280 Einwohner. Es ist aber auch ein Ort, in dem die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg 17 Zivilisten erschossen hat. Merkel will dort weitere Hilfe versprechen.

L'Aquila könnte aber vor allem in späteren Jahren das Ende einer Ära markieren, in der die alten Industrieländer aus Europa und dem amerikanischen Kontinent den Ton auf der Welt angaben. Die Kanzlerin hat es in ihrer Regierungserklärung im Bundestag gesagt: „Der Gipfel in L'Aquila wird deutlich machen, dass das G8-Format nicht mehr ausreicht.“ „Die Probleme, vor denen wir stehen, können von den Industriestaaten nicht mehr allein gelöst werden.“

Schon zum deutschen Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 hatte Merkel die großen Schwellenländer China, Indien, Südafrika, Brasilien und Mexiko zum erlauchten Kreis der G8 hinzu gebeten. Doch mittlerweile meint Merkel, dass auch ein Gaststatus deren Gewicht nicht mehr richtig widerspiegelt.

Die G8-Gipfel scheinen ein Auslaufmodell zu sein. Typischerweise wird von Mittwoch bis Freitag in der Kaserne der italienischen Finanzpolizei „Coppito“ auch nicht viel mit Händen zu Greifendes entschieden werden. Noch mehr als in Heiligendamm wird der Gipfel nur „eine Zwischenetappe“ sein, wie auch Merkel sagt.

Schon für den Prozess zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte wird L'Aquila zumindest keine herausragende Bedeutung haben. Die Verhandlungen laufen unter dem Dach der G20-Gruppe, in der die wichtigsten Schwellenländer schon Vollmitglieder sind. Ob die Finanzmärkte gebändigt werden, wird sich am 24. und 25. September in Pittsburgh zeigen. In Italien wird Merkel aber einem unsicheren Kantonisten wie dem Briten Gordon Brown ins Gewissen reden, vom vereinbarten Regulierungspfad nicht wieder still und heimlich abzuweichen. Insofern hat das Treffen auch einen gewissen Sinn.

Schwerpunkt dürfte das Klimathema werden. Merkel will hier ihre Kollegen zu einer Erklärung drängen, wonach die Erderwärmung bis zum Jahr 2050 um nicht mehr als 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ansteigen darf. Das wäre durchaus ein wichtiger Zwischenschritt hin zu den Abschlussverhandlungen über ein weltweites Klimaschutzabkommen. Aber auch nicht mehr. Die Würfel fallen hier im Dezember in Kopenhagen.

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