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G8-Randale schürt Furcht vor neuem Genua

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Rostock – Es waren die Bilder, die befürchtet worden waren: Brennende Autos, zertrümmerte Schaufensterscheiben, Vermummte, die Pflastersteine und Flaschen auf Polizisten schleudern und mit Stangen auf Einsatzautos einprügeln. Auf der Gegenseite: Mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüstete Polizisten, die versuchen, der Lage Herr zu werden. Gezielt holen sie Störer aus dem „Schwarzen Block“.

Ohrenbetäubende Punk-Musik schallt über den staubigen Platz, Demonstranten tanzen mit Bierflaschen in der Hand auf Flachdächern. Mitten in dem anarchisch anmutenden Treiben stehen einsatzbereite Wasserwerfer. Gigantisch und drohend, wie riesige Mammuts. Polizeieinheiten in schwerer Schutzmontur stehen Auge in Auge tausenden Vermummten gegenüber.

Die Protestzüge hatten sich am Mittag an zwei Punkten gesammelt, um zur Abschlusskundgebung zum Stadthafen zu ziehen. Während der erste weitgehend friedlich gegen die Globalierung protestiert, zeichnet sich beim zweiten Zug schon früh die Gewaltbereitschaft einiger Teilnehmer ab. In der Innenstadt kommt es zwischen Einsatzkräften und Randalierern zu handfesten Straßenschlachten.

Zahlreiche Rostocker Geschäftsleute hatten vorsichtshalber ihre Schaufenster mit dicken Brettern vernagelt. Ungeschützte Scheiben gehen zu Bruch. Um 17.30 Uhr brennen die ersten Autos. Auf der nahen Kundgebungsbühne spricht ein Redner – auf Englisch. Die Übersetzung stachelt die militante Szene weiter an: „Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.“ Am Sonntag spricht Attac von einem Übersetzungsfehler. Der Redner habe zum Protest gegen den Krieg im Irak aufrufen wollen.

Dann beschwört der Redner aber noch den Geist von Genua, jener italienschen Hafenstadt, die 2001 mit einem zweifelhaften Eintrag in die G8-Annalen einging, als sich militante Demonstranten zwei Tage erbitterte Straßenkämpfe mit der Polizei lieferten und es einen Toten gab. „Die Angst vor einem neuen Genua liegt über Europa“, schreibt die Tageszeitung „La Repubblica“ aus Rom am Sonntag und warnt: „Das erste Blut des G8-Gipfels in Deutschland ist bereits geflossen.“

Um 17.45 Uhr kommt es im Stadthafen zu tumultartigen Szenen. Wasserwerfer werden eingesetzt, viele Teilnehmer, auch Schaulustige und Rostocker Bürger, verlassen fluchtartig den Platz. Unweit des Veranstaltungsortes steigen dicke schwarze Rauchschwaden auf. „Wenn Gewalt gegen Polizisten passiert, hört Konfliktmanagement auf. Da helfen keine Worte mehr“, sagt der Sprecher der G8-Polizeieinheit, Axel Falkenberg, zum Vorgehen der Polizei gegen die rund 2000 gewalttätigen Autonomen. Mindestens 125 werden festgenommen.

Auch am Sonntag herrscht in Rostock noch Unklarheit, wie viele Demonstranten eigentlich den Weg in Mecklenburg-Vorpommerns größte Stadt gefunden hatten. Die Polizei spricht von 25 000 bis 30 000, die Veranstalter von 70 000 bis 80 000. Angemeldet waren 100 000. Die weitaus meisten Demonstranten protestieren friedlich. Sie nehmen das Veranstaltungsmotto ernst, das durch die Randale einen zynischen Beigeschmack bekommt: „Eine andere Welt ist möglich.“

Die Polizei erlebt in Rostock und Heiligendamm mit rund 16 000 Beamten den größten Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Stadthafen kam es zur ersten Kraftprobe. Am Sonntag demonstrieren erneut Tausende. Friedlich, bunt, aber bestimmt in der Sache - diesmal gegen die Folgen der Gentechnologie. Ihre Botschaft dürfte aber verdrängt werden von den Bildern mit randalierenden G8-Gegnern und brennenden Autos. Viele Rostocker fürchten um den Ruf ihrer als Ostsee-Urlaubsziel beliebten Stadt – wie schon einmal 1992. Damals geriet Rostock in die Schlagzeilen, als im Stadtteil Lichtenhagen Rechtsradikale ein auch von Asylbewerbern bewohntes Hochhaus in Brand setzten – unter dem Beifall von Demonstranten.

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