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„Gefühl für beide Seiten haben“

Claudia Kramer-Santel

Münster. „Warum sieht man Sie eigentlich auf keiner Friedensdemo?“, fragte eine kecke Studentin Joschka Fischer nach seinem Engagement im Gaza-Konflikt. „Ach wissen Sie“, sagt der ehemalige Außenminister und Nahost-Vermittler milde und legt den Kopf schief, „ich würde mich freuen, wenn es dabei auch Palästinenser gibt, die gegen die Hamas demonstrieren.“ Und außerdem: „Ich gehe nicht mehr auf Demos, das hat mit meinem Alter und meiner Geschichte zu tun, verstehen Sie?“ Doch eins sei für ihn klar: „Alles Israel zuzuschreiben, das geht nicht.“ Die Solidarität mit Israel stehe für ihn an erster Stelle. „Deshalb unterstütze ich auch Angela Merkels Haltung.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Studenten im übervollen Saal in Münster eine Stunde mucksmäuschenstill Fischer zugehört. Durch die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen radikalen Palästinensern und Israelis um Gazastreifen hat sein Vortrag über Vermittlungsmöglichkeiten in Nahost ungeahnte Aktualität gewonnen. „Das bewegt mich, wie sehr die Studenten sich für diese Sache interessieren“, sagt er später im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Studenten hier stünden denen an der Elite-Uni Princeton, wo er bis vor einiger Zeit als Gastprofessor lehrte, in nichts nach.

Der brillante Rhetoriker Fischer wird allen Erwartungen gerecht: Er schafft es mit einer Mischung von historischer Analyse und Anekdoten ein eindringliches Bild der Lage im Nahen Osten zu zeichnen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man ein Gefühl für beiden Seiten haben muss, aber gut beraten ist, auch Distanz zu behalten“, meint er. Und man müsse als Vermittler glaubwürdig sein. Die EU-Politiker, die derzeit in der Region unterwegs seien, würden allenfalls für den generellen Erosionsprozess der EU stehen. Ihr Einsatz sei verzettelt.

Nicht nur deshalb werde es noch eine ganze Zeit dauern, bis ernsthaft Friedensgespräche möglich seien. „Der Konflikt hat eine Dimension erreicht, die die Friedensstiftung schwierig macht. “ Neue Akteure seien aufgetreten, die keine politischen Ziele hätten, sondern religiös radikalisiert seien. „Wenn man Frieden will, kann man nicht 100 Prozent wollen“, erklärt er die Grundregel diplomatischen Erfolgs. „Alles wird abhängen vom neuen US-Präsidenten“, blickt Fischer in die Zukunft.

Eine solche weltweite Proamerikanisierung der jungen Menschen wie derzeit habe er noch nicht erlebt. „Wenn Obama es gelingt, Syrien und Iran einzubinden, gewinne ich wieder Mut.“ Und überhaupt: „Im Moment der schwärzesten Nacht geht oft plötzlich das Licht an.“

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