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Gemeinsam gegen öde Citys - IHK will Städte mit klaren Regeln schützen

Stefan Werding

Münsterland - Wie viel Geschirr darf ein Möbelhaus verkaufen? Wie viel Vasen ein Matratzengeschäft? Wie viel Jeans ein Reitsporthandel? Die Ansinnen, mit einem möglichst breiten Angebot möglichst viele Kunden anzulocken, sind häufig. Jetzt wieder: Das Reitsportunternehmen Krämer, das vom Hufkratzer bis zum Anhänger alles fürs Pferd anbietet, hat in Lengerich, Dülmen und Beckum nach einem Standort für ein Geschäft gefragt - und die Kommunen auf Trab gebracht.

Schwächen sie ihre City für ein Geschäft auf der grünen Wiese, das viel Gewerbesteuer verspricht? Zu dieser Frage gab die IHK (Industrie- und Handelskammer) Nord Westfalen ein Gutachten in Auftrag. Am Beispiel Pferdesport sollen die Kommunen lernen, wie sie sich nichts vom Pferd erzählen lassen. „Das Abendkleid, mit dem man ein Mal im Jahr zum Reiterball geht, hat da jedenfalls nichts zu suchen“, sagt Michael Radau, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses, als er das Gutachten gestern vorstellte.

Die IHK will verhindern, dass Geschäfte grüne Wiesen bevölkern, von denen Teile in die Innenstadt gehören. Der Trick: Ein Unternehmen verkauft Möbel, bietet aber auch sogenannte Randsortimente an. So landet der Kunde zunächst zwischen Geschirr und Suppenkellen, bis er sich zu den Sofas und Küchen durchgeschlagen hat. „Das gefährdet unsere Innenstädte“, sagte Radau, als er am Mittwoch das Gutachten vorstellte.

Kommunen legen fest, auf wie viel Quadratmetern zum Beispiel Bekleidung, Multimedia oder Wein und Spirituosen verkauft werden dürfen. Ist diese Grenze erreicht, ist eigentlich Schluss. Allerdings: Ist eine Jeans, die an der Innenseite der Oberschenkel exta dick ist, Reiterbedarf und damit nicht mehr typisch für die City? Das müssen Gutachter entscheiden. Nur: Die IHK sorgt sich, dass solche Gutachten „zumindest tendenziös“ sein könnten.

All jenen, die das Gefühl haben, dass der IHK die Pferde durchgehen und sie ihnen zu sehr in ihre Stadtentwicklung hineingeredet, rät Radau: „Wer sich nicht an diese Leitlinien hält, der bekommt im Nachbardorf bald eine doppelt so große Ansiedlung vor die Nase gesetzt. Dann geht in der eigenen Kommune der Einzelhandel den Bach runter, und die Gewerbesteuer fließt überhaupt nicht mehr.“

Der selbst ernannten Pferdestadt Dülmen passt das Angebot jedenfalls gut. Ihr Sprecher sagte: „Grundsätzlich haben wir Interesse.“ An der Autobahnabfahrt Dülmen- Nord soll ein neues Gewerbegebiet entstehen. „Da können wir uns das vorstellen.“ Die IHK wird es freuen, dass der Sprecher auch angekündigt hat, dass die Stadt das Angebot mit ihrem Einzelhandelskonzept abgleichen und dann mit der IHK und der Bezirksregierung sprechen möchte. Dafür sei es aber jetzt noch zu früh. Ähnlich sieht das Jürgen Kohne von der Wirtschaftsförderung in Lengerich. Er hält den Betrieb ebenfalls für eine „sinnvolle Ergänzung, die eine Frequenz in die Innenstadt bringen könnte“. Abgesehen davon möchte er vermeiden, dass Krämer nach Holland geht und das Münsterland überhaupt nichts davon hat. Krämer-Geschäftsführer Frank Schmeckenbecher beklagt, dass gerade das Land NRW mit Scheuklappen an die Sache herangehe und seine Situation nicht richtig einschätze. „In unseren Läden können Kunden Sättel ausprobieren. Dafür brauchen wir Platz.“ - in der Regel rund 1200 Quadratmeter. Zehn Niederlassungen in Deutschland und zwei in Österreich gibt es schon, in den nächsten Monaten entstehen neue in Braunschweig und Hamburg. Das Münsterland sei als Markt ebenfalls sehr reizvoll. Durchaus denkbar, dass es nicht nur bei einem Standort bleibe.

Die IHK hätte nichts dagegen. Sie möchte nur verhindern, dass zwischen den Pferdesätteln auch ganz normale Jeans auftauchen.

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