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"Generation Einheit" - Interview mit Steffi und Thomas von Silbermond

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Münster - Die DDR ist für sie eine Kindheits-Erinnerung - und eine Pflicht, den Mund aufzumachen, wenn demokratische Werte wie Freiheit bedroht sind: Stefanie Kloß und Thomas Stolle von „Silbermond“. Geboren wurden sie in der sächsischen Stadt Bautzen. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist für sie ihre ostdeutsche Herkunft nichts Besonderes, „Ossis“ und „Wessis“ Klischees von gestern, die nur noch in den Köpfen ihrer Großeltern vorkommen. Mit Stefanie Kloß und Thomas Stolle sprach unser Redaktionsmitglied Frank Polke.

Am 9. November 1989 waren Sie sechs und sieben Jahre alt. Haben Sie irgendeine Erinnerung an diesen Tag? Sind Ihre Eltern auf der Straße gewesen oder sogar in den Westen gefahren?

Steffi: Ich war zu dieser Zeit sechs Jahre alt und habe doch eher wenige Erinnerungen. Ich habe aber gerade noch in der vergangenen Woche mit meiner Mutter gesprochen. Und die hat mir erzählt, dass ich beim Abholen des Begrüßungsgeldes dabei war. Sie hat damals von dem Geld einen Kassettenrekorder gekauft.

Thomas: Ich war sieben und war an diesem Tag bei meiner Großmutter. Ich weiß noch, dass mein Vater direkt am nächsten Tag nach Berlin gefahren ist. Ich habe schon gespürt, dass das was Großes im Gange ist. Zuvor hatten mich meine Eltern auch mit zu Demonstrationen im Herbst genommen. Für mich als Kind war es das Größte, eine Kerze in der Hand zu halten.

20 Jahre sind seit dieser Zeit vergangen. Sie haben mit der Band „Silbermond“ eine tolle Karriere hingelegt. Hat die untergegangene DDR irgendeine Bedeutung für Sie, für Ihr Leben im November 2009?

Thomas: Nein, vordergründig eher nicht. Unsere Erinnerungen gründen eher auf Erzählungen von Bekannten. Und da wird schon lebendig, welch große Farce das ganze Regime war. Für die Musikbranche bedeutet dies konkret, dass im Studio die Zensur alles gnadenlos rausgeschnitten hat, was irgendwie kritisch war. Und es endete in den großen Schwierigkeiten, überhaupt ein Instrument zu bekommen.

Steffi: Ich kann für mich nur sagen: Wir fühlen uns als Gesamtdeutsche, die im Osten geboren wurde.

Die Menschen in der DDR haben die einzig friedliche Revolution in der deutschen Geschichte geschafft. Freiheit und Demokratie sind selbstverständliche Werte auch in Bautzen. Zu selbstverständlich vielleicht?

Thomas: Jein. Für uns ist es ein Glück, dass wir in einer Demokratie leben können. Als wir zum Beispiel in Kuba waren, haben wir schon erschreckende Parallelen zur DDR gespürt. Trotz aller Missstände, die es in Deutschland gibt: Man muss sich schon häufiger auf den Schirm holen, welch großes Gut es bedeutet, frei zu sein, alles machen und denken zu dürfen. Dafür sind solche Feiertage wie der 9. November echt wichtig.

Frage, gerichtet an Steffi: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Ihnen und einer jungen Frau, die am 31. Oktober 1984 in Münster geboren wurde. Oder ist das heute - 20 Jahre danach - wirklich ohne Bedeutung?

Steffi: Ich kann natürlich nicht sagen, welche Rolle die Erziehung unserer Eltern auf mich oder eine gleichaltrige Frau in Münster hatte. Für mich spielt es keine große Rolle, ob ich im Westen oder im Osten aufwachse und lebe. Meine Eltern dagegen haben schon andere Sachen erlebt, ganz klar. Da gibt es Unterschiede.

Stellen Sie sich vor, die DDR wäre am 9. November nicht untergegangen. Glauben Sie, Sie hätten eine unbeschwerte Jugend in der FDJ erlebt und wären heute ein Star der DDR-Musikszene?

Thomas: Oh, ich glaube das wäre nicht lang gut gegangen. Ich komme ja aus einem Elternhaus, das das Regime damals kritisch gesehen hat. Deshalb wären wir bestimmt keine DDR-angepassten Jugendlichen geworden. Das hätte irgendwann geknallt. Als Band hätten wir uns aber in Bautzen bestimmt gefunden.

Die Westler sind arrogant und nur auf den eigenen Vorteil aus. Die Ossis nostalgische Jammerer. Vorurteile, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben?

Steffi: Das sind Vorurteile, mit denen meine Generation und auch ich nichts anfangen können. Es gibt Idioten im Osten und im Westen - und es gibt nette Menschen im Osten und im Westen. Wir treffen viele Leute aus Köln, die in Dresden arbeiten und andersrum viele Leipziger, die in Aachen unterwegs sind und mit denen man super auskommt.

Gilt dies auch für Ihre Eltern oder Großeltern?

Steffi: Nein, bei meinen Großeltern sieht das anders aus. Da sitzt das Klischee tief drin. Die haben halt nach der Wende die Erfahrung gemacht, dass das mit den Leuten aus dem Westen nicht gut funktioniert und sie mit den Ostdeutschen besser auskommen. Dagegen ist schwer zu reden.

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